Rosie blickte überrascht von ihrem Buch auf und starrte ihn an: „Du machst was...?“
„Ich gehe jetzt gleich hinüber und werde sie fragen, ob sie mich heiraten will! Ob sie mich haben will und ob sie ihr Leben mit mir verbringen will!“ Und noch ehe seine Schwester etwas entgegnen konnte, hatte er die Tür geschlossen und eilte die Treppe hinunter. Im Flur griff er nach seiner dunkelblauen Jacke und seinem roten Schal, und beim Verlassen des Hauses schlüpfte er schnell in die Jacke hinein.
Es war kühl geworden und total finster, dicke Wolken verbargen das Mondlicht. Mit großen Schritten machte er sich auf den kurzen Weg. Er zögerte nicht, blieb nicht stehen, sondern ging zügig bis zu ihrer Tür. Keine Zweifel mehr, keine Fragen mehr. Er klopfte und für einen kurzen Moment schloss er die Augen und horchte. War sie zuhause? Wenn sie jetzt nicht da war, würde er vielleicht nicht noch einmal den Mut haben....
Mit flottem Schwung wurde die Tür geöffnet und Harry stieß überrascht den Atem aus. Plötzlich sackte ihm das Herz doch in die Hose, er fühlte sich elend und nervös.
„Hallo, wie geht es dir?“ fragte sie relativ unbeteiligt.
Harry schluckte: „Ganz gut, so gut es einem unter diesen Umständen eben gehen kann!“
„Und was sind das für Umstände, Harry?“
Er zog den Kopf ein und trat durch die Tür.
„Das ist ein großer Tag für mich! Einer dieser großen Tage eben, du weißt sicher was ich meine?“ Er lachte verlegen und sah sie an.
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich glaube ich weiß, was du meinst. Was kann ich denn für dich an diesem großen Tag tun?“
„Ich werde es besser gleich los. Ich habe sehr viel nachgedacht, auch viel darüber gesprochen und ich frage mich, ob du dir vorstellen könntest..., ich meine, na ja... ich würde gerne heiraten!“ Jetzt war es endlich raus, er lächelte.
Sie hielt einen Augenblick inne, sah in an und sagte ganz ruhig, fast emotionslos: „Ja sicher, ich wäre entzückt“.
Harry blickte ihr verdutzt nach und lachte nervös. War das ein ‚Ja’, oder was?
Er folgte ihr in den Wohnraum. „Das sind tolle Neuigkeiten!“ Harry blickte sie an und war von ihrer nächsten Frage total überrascht:
„Hast du dir schon überlegt, wann das Ereignis stattfinden soll?“
Es verschlug ihm beinahe die Sprache, eigentlich wollte er dies in trauter Zweisamkeit mit ihr gemeinsam besprechen. Hilflos blickte er zu ihr rüber.
Sie machte sogleich in völlig neutralem Ton einen Vorschlag: „Na ja, die Zeit vor Weihnachten ist doch sehr romantisch!“
„Schön, wenn das für dich in Ordnung ist?“ Harry kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er ging zum Kamin und beobachtete sie. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und holte ein großes schwarzes Buch heraus.
„Lass uns mal nachsehen, ja hier am 22. habe ich noch einen Termin frei!“
Harry kam sich vor wie in einem Traum. Er stotterte: „Ja, ja natürlich!“
„Alles klar! Wenn du willst, können wir bei dieser Gelegenheit schon mal ein paar Formalitäten erledigen!“ Sie öffnete eine Schublade und holte ein weiteres Buch heraus. Sie schlug es auf und fragte Harry nach seinem vollen Namen.
“Harry Jasper Kennedy!“
Sie drehte sich zu ihm um und hob ihre Augenbrauen. „Na hoffentlich gibt das kein Gelächter!“
„Drück mir die Daumen!“ War das ein Spiel für sie? Vielleicht war sie aber ebenso unsicher wie er?
Sie fragte ihn nach dem Namen der Glücklichen und auf seine Antwort, dass er ihren zweiten Vornamen nicht kenne, meinte sie, dass man diesen auch noch später einfügen könne.
„Hoffentlich ist das nicht auch so ein Brüller, sonst artet diese Hochzeit noch in eine Sitcom aus! Also dann nur den Vor- und Zunamen.“
Harry druckste etwas herum.
„Harry! Wenn du heiraten willst, solltest du eigentlich den Namen der Frau kennen!“
Er atmete tief ein: „Der Name ist ... Geraldine...!“
Sie wiederholte: „Geraldine...“
„... Granger...!“
„Granger... pardon??“ Sie drehte sich um und schaute ihm entsetzt ins Gesicht. Er runzelte die Stirn und blickte eindringlich zurück.
„Geraldine Granger! Ich frage dich, ob du mich heiraten willst, Geraldine Granger?“
Mit weit aufgerissenen Augen stand sie auf und wies mit ihrer Hand zur Seite. „Ja, ja, aber .... was, was ist denn ... wer ist denn diese hübsche Frau mit der du immer zusammen bist? Rosie?“
„Meine Schwester!“
„Waaaasss???“ Sie schrie das Wort förmlich heraus.
„Ja, sie ist meine Schwester, meine beste Freundin! Ich teile alles mit ihr, und wir beide haben alles durchgesprochen, ob ich zu unbesonnen bin, oder zu schnell, ob es nicht vielleicht eine dumme Idee ist? Doch ich habe mich entschieden, ich muss meinem Herzen folgen“, er ballte die Fäuste.
Aus Geraldines Mund platzte ein ulkiges Geräusch, eindeutig von Emma Thompson aus Sense & Sensibility entliehen. Ihre Augen waren riesengroß und sie konnte nichts sagen. Harry strahlte über das ganze Gesicht.
Sie blickte ihn an und sprudelte rasch hervor: „Würdest du mich einen Augenblick entschuldigen?“ Harry konnte nur nicken, er hielt sich voller freudigem Erstaunen die Hand vor den Mund und sah ihr verblüfft nach, als sie laut schreiend das Haus verließ.