Dies ist nun speziell über das Stück, weniger über die Begebenheiten rund um MM und unseren Aufenthalt in London, deswegen geht dieser Teil als Review in diesen Thread.
The Pain and the Itch, by Bruce Norris, Royal Court Theatre London, June/July 2007
Wie ich bereits den vorab veröffentlichten Fotos, den ersten Zeitungsberichten und auch der geführten Tour am Mittag entnehmen konnte, ist das Stück sehr gut durchproduziert. Es stimmen die Details, wie Bühnenbau, Kulisse, Requisite und Licht bzw. Spezialeffekte sehr gut mit der Dramaturgie überein.
Im Backstage-Bereich habe ich (mit geübtem Auge) erkennen können, dass jede Vorstellung akribisch genau und mit Hingabe vorbereitet wird.
Es sind relativ viele Requisiten usw. vonnöten, was eine sehr hohe Konzentration auf das Wesentliche seitens der Schauspieler, der Inspizienz und der Crew Backstage erforderlich macht. Bis auf einige winzige Kleinigkeiten ist dies alles perfekt abgelaufen.
Man muss ein bisschen ein Gespür für dramaturgische Abläufe und das Theater an sich haben, um das für ungeübte Theatergänger wahrscheinlich leicht verwirrende Wechselspiel von Rückblenden und tatsächlichen (gegenwärtigen) Szenarien zu verstehen.
Alles in allem ist das Stück so umgesetzt, wie auch ich es höchstwahrscheinlich inszeniert hätte (ich liebe ebenfalls die Spielereien mit unterschiedlichem Licht und Effekten, um zeitlich verschiedene Erzählstränge herauszuarbeiten).
Darstellerisch gibt es so gut wie nichts auszusetzen, nur das Kind (die Tochter in dem Stück) hat mir nicht so super gut gefallen, aber es ist natürlich auch extrem schwer, ein Mädchen dieses Alters zu finden, das so auf der Bühne agiert, als würde sie nicht „schauspielern“. Gut, vielleicht bin ich da überkritisch, tut mir leid.
Mit dem amerikanischen Akzent hatte vor allem MM am Anfang (beide Male übrigens) leichte Probleme, wenn das Stück fortschreitet, bessert sich dies jedoch schnell. Die Bühnenpräsenz der drei Männer (MM als Clay, PS als Cash und Abdi Gouhad als Mr. Hadid) ist absolut umwerfend. Ich habe beim ersten Sehen versucht, auf die gesamten Abläufe zu achten und mich so weit es ging, nicht allzu sehr an MM fest gebissen (ist mir zwar schwer gefallen, aber es war machbar).
Daher konnte ich feststellen, dass mir insbesondere Peter Sullivan als leicht schnöseliger Schönheitschirurg Cash (der Bruder von Clay) extrem gut gefallen hat. Ein mehr als exzellenter Schauspieler, Hut ab!
Clay hat man so porträtiert, dass er durchweg als Loser dargestellt und wahrgenommen werden soll. Was durchaus auch die eigene Bewusstseinsebene von Clay widerspiegelt, denn es wird mit Fortgang des Stückes mehr und mehr klar, dass er an mangelndem Selbstbewusstsein und extremen Minderwertigkeitskomplexen leidet.
Komischerweise war es für mich von vorneherein klar, wohin das Stücke letztendlich führen wird (ohne den Text vorher gelesen zu haben, ich bin völlig „unvorbereitet“ in die Vorstellung gegangen). Für mich war alles sehr offensichtlich, spätestens als der erste Akt fertig war, wusste ich die gesamten Zusammenhänge und hatte die Tragweite komplett erfasst.
Was aber nicht bedeuten soll, dass dies anderen Zuschauern auch so gehen muss. Vielleicht ist es auch nur mein berufliches Gespür für solche Dinge.
Zu den Damen: Andrea Riseborough als Kalina (Freundin von Cash) ist natürlich der Knüller! Ihr Charakter ist so extrem überzeichnet, dass es schon wieder richtig gut ist. Es macht unglaublich Spaß, ihr zuzusehen und zuzuhören.
Ebenfalls herausragend gut: Amanda Boxer als Carol (Mutter von Clay und Cash). Ihr Amerikanisch ist übrigens mit das Beste.
Selbstverständlich gibt es auch keinen Makel in der Leistung von Sara Stewart als Kelly (Frau von Clay), die ihren großartigsten Moment dann hat, wenn sie ihren Schwager Cash aus dem Haus weist.
Es gibt nur ein oder zwei Punkte, wo sich Fragen auftun, wo das Stück vermeintlich nicht rund, nicht in sich geschlossen ist, aber das liegt nicht an der Inszenierung, sondern bereits am Buch von Bruce Norris. Es stellt sich daher die Frage, ob die Inszenierung, bzw. der Regisseur überhaupt ein Interesse daran hat, dies anders darzustellen. Wahrscheinlich nicht. Also bleiben einfach ein paar Kleinigkeiten offen, und gut.
Zur Leistung von MM speziell: Muss ich da noch was sagen? Nein, ernsthaft, für mich war der Star der Nachmittagsvorstellung eindeutig Peter Sullivan (da staunt ihr, was?). Allerdings: MM hat die subtilere Rolle, ganz eindeutig.
Er war aber am Nachmittag nicht ganz so gut drauf, in der Abendvorstellung hatte ich den umgekehrten Eindruck, da war Peter weit weniger gut als nachmittags, dafür legte MM um Klassen zu.
Er spielt (einmal mehr) einen sehr zerrissenen Charakter. Diese Rollen stehen ihm einfach am besten zu Gesicht, keine Frage. Er kann alle Register seines Fachs dabei ziehen, und es macht ungeheuer Spaß, ihm dabei zusehen zu können. Die Komödie driftet ja mehr und mehr in eine Tragödie ab und den Prozess macht MM in seiner Rolle am eindeutigsten klar, gefolgt von Sara Stewart.
Man sieht alle Facetten seines brillanten Könnens, die komödiantische Seite, die tragische Seite. Was das Stück jedoch
nicht bietet, ist die romantische Seite. Aber man kann halt nicht alles haben!
Er ist als Clay die überwiegende Zeit auf der Bühne einfach nur völlig hilflos. Ein Mann, an dem das Leben vorbeirauscht, ohne ihn auf dieser Reise mitzunehmen. Er steht völlig neben diesen Dingen.
Clay hat zwar Familie, eines der höchsten Werte, die die Amerikaner haben, und es wird auch anfangs ständig deutlich gemacht, wie viel ihm daran liegt, das es da höchste Gut ist, aber – wie schmerzhaft muss er erkennen, dass auch dies nur ein Trugschluss ist.
Clay hat ein (vermeintlich) sorgloses Leben, die Frau verdient gut Flocken, jemand, der nicht genau hinsieht, würde die Familie als neureich betiteln. Aber – alles Geld der Welt kann nicht erkaufen, was sich viele tief im Herzen ersehnen: Liebe und Geborgenheit. Auch dies hat Clay eindeutig nicht! Obwohl sich zuerst ein gegenteiliges Bild zeichnet.
Clay hat die oberflächlichen amerikanischen Werte, nämlich eine sehr stabile finanzielle Situation und typische überbewertete Familienverhältnisse. Doch letztendlich bröckeln diese Werte weg wie die marode Fassade eines alten, ungepflegten Bauwerks und zurück bleibt – Nichts!
Clay (MM) am Ende...