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Wie versprochen...
Erste Eindrücke von „Middletown“
Einer ganz lieben Dame aus der Türkei (!) habe ich es zu verdanken, dass ich in den Genuss von „Middletown“ gekommen bin. Allerdings optisch und akustisch ein klein wenig eingeschränkt.
Generell kann ich dazu folgende Anmerkungen machen:
Der Film ist definitiv eine sprachliche Herausforderung für Nicht-Briten/ bzw. -Iren! Wer bei Filmen wie VoD schon leichte Probleme mit der Sprache hat, für den dürfte „Middletown“ eine sehr große Herausforderung sein. Einzig MM (der sich redlich, aber meist vergeblich - niedlich! - um einen irischen Akzent bemüht) ist für ungeübte Ohren halbwegs gut verständlich.
Beste Erkenntnis: Der Film ist nicht schlecht! Er ist aber auch kein Reißer. Er ist fesselnd, keine Frage. Aber längst nicht in dem Maße wie es ADMV war, dagegen fällt er um Längen, um Welten, um Universen zurück.
Es wird erstaunlich oft und erstaunlich derb geflucht. Das nur so als Randbemerkung!
Spezielle Anmerkungen:
Die Handlung ist nicht genügend ausgebaut, flacht im Erzählmodus immer wieder ab, hangelt sich so zwischen den dramatischen Höhepunkten durch. Immer dann, wenn man denkt, dass es jetzt sicher gleich in die Tiefe geht, bricht die Szene ab. Wohl ein Punkt, der unter der nur 90-minütigen Zeitspanne zu leiden hat. Man wünscht sich direkt mal eine tiefer gehende Auseinandersetzung, wünscht sich, es würde mehr argumentiert und diskutiert. Aber das gibt das Drehbuch einfach nicht her. Damit muss man leben, der Film ist eben anders aufgebaut.
Brian Kirk ist eine sehr gute atmosphärische Arbeit gelungen. In den Randbezirken von Belfast, teilweise in der Republik Irland, aber hauptsächlich in Nordirland, ist es ihm gelungen, einen Ort der Trostlosigkeit zu kreieren. Es gibt keinen einzigen Sonnentag in diesem Film, alles ist stets trüb, grau, dunstig, kalt, abweisend, emotionslos, trist, depressiv. Aber natürlich passend zum Film.
Ich bin nicht darüber im Bilde, ob das Interieur der Kirche ein Set, also nachgebaut war, oder dieses Kircheninnere tatsächlich existiert. Sollte dies der Fall sein, dann bin ich voller Bewunderung und Erstaunen, dass man so etwas gefunden hat. Ich möchte jedenfalls niemals in dieser Kirche bei einem Gottesdienst sitzen müssen. Horrorvorstellung! So etwas Kaltes, Unbequemes, Doktrinhaftes, Gottverlassenes (ja, ganz recht, obwohl es ein Ort Gottes sein sollte!) habe ich vorher noch nie gesehen. Nach der Hölle der zweitübelste Platz, an welchem man sich befinden kann, wenn man mich fragt.
Die Leistung der Schauspieler ist durchweg gut, natürlich kann nicht jede Nebenrolle detailliert Beachtung finden. Am meisten beeindruckte mich Eva Birthistle als Caroline und wirklich herausragend ist Daniel Mays als Jim. Klasse Leistung! Immer unter der Gegebenheit des etwas schwachen Skripts, natürlich. Welch eine tolle Sache wäre da erst mit einem stärkeren Drehbuch herausgekommen.
Man kann den Film relativ gut ansehen (sofern man selbst nicht zu Depressionen neigt), bis etwa zehn Minuten vor Schluss. Dann beginnt ein Showdown, der mich ziemlich irritiert hat. Überrascht, aber nicht direkt schockiert. Und trotzdem hat mich der Anfang vom Ende abgestoßen. Es war ganz komisch anzusehen, es ist schwer beschreibbar. Man ahnt sofort, was kommen wird, was vor sich gehen wird, man kann es nicht verhindern. Und dennoch wünscht man, man könnte eingreifen. Die Dinge nehmen einfach ihren Lauf und man muss unweigerlich die Luft anhalten.
Der Schmerz der Menschen in dem Film ist offensichtlich. Er ist verständlich, aber nicht unbedingt fassbar. Es geht um das Leben und Überleben in unwirtlichen Verhältnissen. Das ländliche Irland Anfang der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts (also in meiner Geburtszeit) war das Tal des Jammers schlechthin. Das wird in dem Film auch deutlich. Obwohl (ich sage es wieder, sorry) man da wesentlich mehr noch draus hätte machen können. Nun gut.
Es kommt, was kommen muss – MM! Spätestens jetzt ist mir klar, dass ich völlig verblendet sein muss, was seine Person anlangt! Schickt mich bitte in die Klapse, ich habe es nicht anders verdient! Ich versuche, mich im Zaum zu halten, und meine totale Subjektivität etwas zu verschleiern, okay?
Er spielt beängstigend gut. Es kann doch nicht normal sein, dass man den Mann auch noch in dieser düsteren, abscheulichen, beklemmenden, völlig unerotischen Rolle anbetet! Ich denke, es hat in diesem Falle dann wirklich mehr mit seinem Können denn mit seinem Äußeren zu tun. Ansonsten – nennt mich abartig veranlagt, bitte!
Er zieht alle Register: Sprachlich von den subtilen, leisen Tönen bis zum Crescendo des Herumbrüllens. Gestisch vom sanften Auflegen der Hand auf den schwangeren Bauch seiner Schwägerin bis zum dramatischen Hochreißen der Arme mit Schürhaken und Gebetbuch. Charakterlich vom Malträtieren des eigenen Körpers bis *Spoiler* zum brutalen Mord an Mensch und Vieh. Emotional vom besorgten Bruder und Schwager bis zum heulenden, elenden Sünder. Eine erschreckende Bandbreite. Ich könnte nach lange weiter referieren, natürlich, aber ich möchte auch nicht zu viel spoilern. Deswegen belasse ich es zunächst einmal hierbei.
Empfehlung: Für Fans von MM sowieso. Für alle anderen – abwägen. Es wird nicht jedem gefallen, zumal Religion und diesbezüglicher Fanatismus manchen so gar nicht ansprechen. Aber man kann den Film auch ohne Bezug zu Gott, Kirche oder dergleichen ansehen. Wie gesagt, man muss dann differenzieren können.
_________________ No, I can't, really... (MMs Antwort auf eine "freche" Frage von mir...)
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