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 Betreff des Beitrags: Fiktionen und Fiktives
BeitragVerfasst: 23.12.2006, 19:27 
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Mache gleich den Anfang mit dieser Geschichte:

MERRY CHRISTMAS AUS LONDON

Samstag, 23. Dezember 2006, ca. 9.30 Uhr


Seit Tagen schon hängt der schwere, graue Nebel wie ein bedrückender Schleier über London. Hier unten am Fluss ist es ganz besonders diesig, man kann nicht einmal bis zur Uferböschung sehen, selbst die Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn ist kaum mehr auszumachen.

Ein Mann, etwa Anfang dreißig, gut aussehend, mit glatten braunen Haaren, gekleidet in Jeans und dunklen Pullover, aus dessen V-Ausschnitt ein T-Shirt hervorlugt, beugt sich über den Kofferraum eines dunklen BMW-Kombis. Er hantiert mit Taschen und Koffern herum. Aus dem Haus hinter ihm kommt ein kleiner Junge in Winterkleidung auf seinem Alu-Roller geschossen. Die Mütze hat er bis über die Ohren heruntergezogen. Ihm folgt eine junge Frau aus der Haustür, ebenfalls um die dreißig, blond*, groß gewachsen und ziemlich schlank.

Sie ruft dem Jungen hinterher: „Aber nur ein Stück die Strasse auf und ab. Bleib immer in Sichtweite, hörst du?“

Der Junge winkt fröhlich und rollert davon. Der Blick der Frau bleibt am Auto hängen und wandert zu dem Mann dort hin. Ihrem Mann. Sie dreht sich um, geht ins Haus zurück, nur um einen Augenblick später mit einem dunkelblauen Dufflecoat* auf ihrem Arm zurück zu kehren.

Sie geht zum Wagen in der Auffahrt, legt ihrem Mann den Mantel fürsorglich um die Schultern, drückt ihm einen Kuss auf den Nacken und sagt dann: „Du solltest dich nicht erkälten, wir wollen doch was von dir haben über die Festtage.“

Der Mann blickt auf, schaut mit seinen strahlend blauen Augen auf seine Frau und lächelt. Dann richtet er sich zu seiner ganzen, imposanten Größe auf, schlüpft ganz in den Dufflecoat und schließt die Knebelverschlüsse. Er will etwas sagen, aber in dem Moment hört man im Haus ein Baby weinen.

Bevor die Frau sich wieder dem Haus zuwendet, ruft sie ihrem Mann noch zu: „Und habe bitte ein Auge auf Myles. Er ist ein bisschen wild mit dem Roller, wie du weißt. Ich schaue nach Ralph. Und danach packe ich seine Tasche und die von Maggie und bringe sie raus. Haben wir noch Platz im Wagen?“

Der Mann nickt: „Ja, haben wir, wenn Maggie nun endlich zwischen den Koffern wieder heraus gekrochen kommt.“ Die Frau schmunzelt und schließt die Haustür hinter sich.

Ein Handy läutet. Der Mann zieht das Telefon aus seiner Hosentasche, nach einem kurzen Blick auf das Display entscheidet er sich, den Anruf anzunehmen. Das Gespräch dauert nicht lange. Es ist jedoch das sechste oder siebte Mal innerhalb der letzten Stunde. So viele Leute, die alle noch etwas von ihm wollen. Er legt sichtlich genervt auf, gefolgt von einem tiefen Durchatmen. Dann wendet er sich wieder dem Auto zu, greift mit beiden Händen in das Innere des Wagens und befördert lachend ein zweijähriges Mädchen zutage, das vor Vergnügen kräht. „Maggie“, so lässt sich die tiefe Stimme des Mannes vernehmen, „ich bringe dich jetzt ins Haus, dann trinkst du noch schön deinen Kakao leer und wenn Mum und Ralph soweit sind, fahren wir dann auch bald. Okay?“

Das Mädchen strahlt seinen Dad an und nickt heftig mit dem Kopf. Sie säuselt: „Dut Daddy, Mäddie tint Tatau. Tommt Santa bald?“

Der Mann lacht erneut: „Ja, Santa Clause kommt auch bald. Übermorgen. Noch zweimal schlafen, Maggie!“ Er nimmt das Mädchen mühelos auf seinen Arm, nicht ohne noch einen Blick auf Myles zu werfen, der auf seiner Bahn hin- und herrollert. Dann verschwindet der Mann kurz im Haus.

Mit zwei weiteren Koffern kommt er wieder heraus. Der Junge bremst gewagt vor ihm, fährt ihm fast über die braunen Schuhe. „Myles, du bist aber wieder rasant unterwegs. Trotzdem schön aufpassen, nicht dass du noch hinfällst.“

Der Junge ist bereits wieder im Wegfahren, ruft aber noch: „Klar Maa*, ich mach’ das schon. Wo ist Mum?“

„Im Haus, sie macht Ralph für die Reise fertig.“

Als der Junge retour fährt, fragt er: „Kann Ralph im Auto neben mir sitzen? Ich möchte nicht neben Maggie sitzen, ich kümmere mich auch um Ralph. Bitte!“

Der Mann kniet sich runter, um mit dem Jungen auf Augenhöhe zu sein und erklärt dann: „Das wird schlecht gehen, Ralph wird in seinem Sitz vorne mitfahren und Mum sitzt hinten bei euch. Ist das auch okay?“ Der Junge schüttelt stumm den Kopf. Damit ist er offensichtlich nicht so recht einverstanden.

Der Mann fährt ihm mit der Hand über die Wange: „Na, vielleicht platzieren wir dann Mum zwischen Maggie und dir, wäre das in Ordnung für dich?“

Der Junge schnieft ein klein wenig und denkt nach. Dann nickt er langsam. „Ja, ich denke schon. Wirst du dann nach Ralph sehen, Maa? Aber du musst doch fahren, oder?“

„Mum kann sich von ihrem Platz aus um Ralph kümmern. Und notfalls halten wir eben an. Alles kein Problem.“

Am Haus hat sich im ersten Stock ein Fenster geöffnet und die blonde Frau schaut heraus. Sie ruft: „Kannst du Ralph holen? Und die Taschen? Ich bringe dann noch Maggie mit raus, dann könnten wir in fünf Minuten fahren.“ Der Mann winkt und nickt. Er verstaut den Roller von Myles im Wagen und bedeutet dem Kind, sich schon mal ins Auto zu setzen. Dann geht er zum Haus.

Mit zwei Taschen kommt er zurück, deponiert diese nach einiger Hin- und Herräumerei im Kofferraum. Im Laufschritt eilt er erneut ins Haus. Dann erscheint er draußen wieder, mit einem in einen dicken Schneeanzug gepackten Baby auf dem Arm. Der Kleine schreit ganz furchtbar, der Mann drückt das Kind fest an sich, öffnet mit der freien Hand die Beifahrertür* und legt das Baby in den dafür vorgesehenen Kindersicherheitssitz. Myles ist sofort aus seinem Sitz herausgerutscht und streichelt etwas unbeholfen dem kleinen Bruder über die Wangen. „Hey, Ralph, nicht weinen, hier ist dein Bruder Myles. Ich tröste dich. Hat Maggie dich wieder geärgert?“

Der Mann schaut ein bisschen zweifelnd auf das ältere Kind: „Nein, Myles, ich glaube es passt Ralph nicht, in diesen Anzug gezwängt zu sein. Wenn es nachher wärmer im Auto ist, werden wir das dicke Ding ausziehen. Aber der Nebel macht derzeit alles sehr nass und kalt, und da muss so ein kleines Würmchen gut angezogen sein.“

Auf dem Weg zum Auto erscheint die Frau, an ihrer Hand die Tochter, die herzhaft in ein Blaubeermuffin beißt. Sie hievt die Kleine in den Sitz, hat aber nicht mit dem Protest des Ältesten gerechnet, der prompt zu heulen anfängt: „Nein, nein! Ich will nicht neben Maggie sitzen! Maa hat mir versprochen, dass du zwischen uns sitzt, Mum!“ Die Frau schaut fragend zu ihrem Mann.

Der zuckt entschuldigend mit den Schultern und grinst leicht: „Haben wir Männer vorhin ausgemacht, als du noch nicht da warst. Vom Mittelplatz aus dürfte es dir auch leichter fallen, auf Ralph ein Auge zu haben.“ Die Frau holt tief Luft und rollt entnervt mit den Augen. Dann verschiebt sie den Kindersitz der Tochter auf die linke Autoseite.

Doch ganz kommentarlos lässt sie diesen Vorfall nicht an sich vorbeiziehen: „Das sieht euch ähnlich. Würdet ihr mich das nächste Mal konsultieren, bevor ihr gemeinsam etwas ausheckt?“

Der Junge schaut den Mann fragend an: „Maa, was heißt den ‚kunslatrieren’?“

Die Erwachsenen müssen nun lachen, dann, als der Mann den großen Jungen festschnallt, erklärt er ihm: „Das bedeutet, dass wir deine Mutter besser vorher gefragt hätten, ob sie mit unserer Platzeinteilung im Auto einverstanden ist.“

„Aha“, lässt sich der Junge vernehmen, „na, machen wir doch glatt.“

Der Mann beugt sich nun weiter über den Jungen und küsst die Frau herzhaft auf den Mund: „Ja, eben, wir werden doch eure Mum nicht übergehen. Niemals!“ Dann klappt er dir Tür zu, begibt sich auf die andere Seite des Autos, setzt sich auf den Fahrersitz, steckt den Zündschlüssel ins Schloss und dreht sich noch einmal fragend zu seiner Hintermannschaft um: „Seid ihr soweit?“ Sein Blick fixiert die drei auf der Rückbank: Maggie, seine Frau, Myles. Diese nicken. Sein nächster Blick gilt dem Baby neben ihm. Dieses kräht zwar noch immer, aber der Mann weiß, sobald sich das Fahrzeug in Bewegung setzt, wird Ralph’s Weinen schnell aufhören. Der Kleine wird dann sicher bald einschlafen.

Er zündet den Motor, legt den Gang ein und im Losfahren sagt er gutgelaunt: „Und jetzt nichts wie ab in den verdienten Weihnachtsurlaub“.

Im gerade angestellten Autoradio dudelt der alte Klassiker „White Christmas“ von Bing Crosby, als das Auto im dichten Nebel um die Ecke biegt. Der Mann kann nicht umhin, mitzusingen, die Frau stimmt beim nächsten Satz in den Gesang mit ein. Myles hält sich entsetzt die Ohren zu, was Maggie sogleich dazu veranlasst, es ihm gleichzutun! Jedoch hört Ralph merkwürdigerweise auf, zu weinen. Alle lachen – Fröhliche Weihnachten!



* Anmerkungen – blond (ja, ist ihre aktuelle Haarfarbe, siehe VoD!), Dufflecoat (wollte nur noch einmal darauf hinweisen, dass ich den gleichen besitze!), Maa (so nennt Myles tatsächlich seinen Stiefvater, es ist die kürzeste Kurzform von ‚Matthew’), Beifahrertür (man sollte sich das alles bitte ‚britisch’ vorstellen, also das Steuer ist natürlich rechts und der Beifahrersitz links, wie man weiß!).

Dies ist meine „Weihnachtsfiktion“ für euch, wobei es sich durchaus so ähnlich heute früh in London zugetragen haben könnte. Es ist also nicht ganz realitätsfern, schätze ich. Hoffe, ihr habt beim Lesen Spaß gehabt, ich jedenfalls hatte ihn beim Schreiben und habe mich dabei wieder merkwürdig verbunden mit meiner männlichen Hauptperson gefühlt!

Falls sich noch andere themenentsprechende "Schreibwütige" finden, bitte - hier ist eure Plattform!

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Zuletzt geändert von doris-anglophil am 24.12.2006, 02:21, insgesamt 1-mal geändert.

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Verfasst: 23.12.2006, 19:27 


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Süß, ach und sogar in einer lieben Weihnachtgeschichte bekommt KHM ihr Fett weg. :lol:
Muss ja alles gerecht zugehen. Nee, echt eine schöne, kleine Weihnachtsgeschichte.

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Ach, wie süß! :kuss: Hast du etwa bei dem Nebel dort im Gebüsch gehockt, Doris? :lol: Das hört sich so realistisch an! 8)
Prima geschrieben, man meint fast, man wäre Augenzeuge gewesen! :daumen:

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ja - so könnte es sich wirklich zugetragen haben - wie aus dem Leben gegriffen!! Danke für die schöne Geschichte Doris

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Becci hat geschrieben:
Süß, ach und sogar in einer lieben Weihnachtgeschichte bekommt KHM ihr Fett weg. :lol:
Muss ja alles gerecht zugehen. Nee, echt eine schöne, kleine Weihnachtsgeschichte.


Oh, ich war sehr nett und freundlich in der Story zu ihr. Ich finde, ich habe sie überaus positiv gezeichnet - vielleicht weil Weihnachten ist.

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Andromeda hat geschrieben:
Ach, wie süß! :kuss: Hast du etwa bei dem Nebel dort im Gebüsch gehockt, Doris? :lol: Das hört sich so realistisch an! 8)
Prima geschrieben, man meint fast, man wäre Augenzeuge gewesen! :daumen:


Mit neuem Dufflecoat im Gebüsch.

Toll Doris :daumen:

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Die Dinge hätten sich auch anders entwickeln können...
haben sie aber nicht !


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Wunderschön Doris!

Ich kam mir vor als liege ich im Nachbarhaus im Fenster und beobachte die ganze Szene.



:gnade: Nur den Blaubeermuffin hätte ich KHM am liebsten geben den Kopf - wie einen Schneeball - geworfen. :flehan:

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created by Cuni


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Doris, die Reporterin ! :lol:

Eine wunderschöne Geschichte. :ja:
Ich konnte es mir sogar richtig bildlich vorstellen.

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BeitragVerfasst: 24.12.2006, 12:35 
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Lucas' sugarhorse
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Mir hats auch sehr gut gefallen, und echt so toll bildlich geschreiben, hab das wie einen Film in meinem Kopf gesehen...Danke!

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thx to Cuni


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BeitragVerfasst: 27.12.2006, 09:53 
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Squirrel's finest hidden treasure
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Noch was zum Lesen! -- (Danke für Deine Hilfe Doris!!!!!)



Sie stand am Fenster und schaute hinaus. Auf dem Hof herrschte ein geschäftiges Treiben. Stative wurden hin und her getragen, Kisten geschleppt und seltsam aussehende Gerüste über den Platz getragen.
Ihre Augen sahen das alles, doch sie nahm das Gewimmel vor ihr nicht wirklich wahr. Eine Hand stützte sich auf das Fensterbrett, die andere glitt auf dem Rahmen vorsichtig auf und ab, so als würde sie die Struktur des Kunststoffs begreifen wollen.

Die Tür hinter ihr, an der gegenüber liegenden Seite des Raumes sprang mit einem lauten Knall auf und herein platzte ebenso geräuschvoll ihre Kollegin. Sina schaute sie lachend an, klatschte in beide Hände und mit hüpfenden Bewegungen kam sie auf sie zu. Ein Gefühl der Freude und Zufriedenheit breitete sich um sie aus, wie fast immer, wenn sie irgendwo erschien. Catherine beneidete ihre Freundin um ihr ungezwungenes Wesen, sie konnte selbst der unmöglichsten Situation noch etwas Positives abgewinnen.
„Unglaublich .... es ist einfach unglaublich ... nicht zu fassen ...!“ sprudelte sie hervor.
Catherine schaute sie fragend an „Was ist unglaublich und nicht zu fassen?“
„Na einfach alles, ich hätte nie zu träumen gewagt, dass ich dies einmal erleben kann, so in diese Atmosphäre abzutauchen .... unglaublich!“
„Du meinst hier auf dem Set, oder was?“ Catherine war sich immer noch nicht ganz sicher, wovon Sina sprach.
„Meine Güte, natürlich. Was hast du denn gedacht wovon ich quatsche! Cat, ich werde dir ewig dankbar sein, dass du mir diesen Job verschafft hast ... unglaublich!“

Sina war neu in dem Geschäft und Catherine hatte der langjährigen Freundin geholfen, in dieser Produktion unterzukommen. Nicht ganz einfach, wenn man bedachte, dass Sina nur wenig Erfahrung als Maskenbildnerin hatte. Doch sie hatte sich bewährt und arbeitete zuverlässig, kreativ und war unbefangen im Umgang mit den Größen des Filmgeschäfts. Nervosität kannte sie kaum – sie war von sich und ihrer Arbeit überzeugt.

Catherine wandte sich wieder dem Fenster zu und blickte hinaus. Die junge Frau folgte ihr, lehnte sich mit dem Rücken an den Rahmen und schaute Catherine forschend ins Gesicht.
„Was hast du? Was ist mit dir, geht’s dir nicht gut???“ Sina hatte ein Gespür für die Launen ihrer Freundin. „Alles klar mit dir? Du schaust so komisch aus ... Catherine, rück damit raus, du kannst mir eh nichts verheimlichen!“
Die Ältere blickte zu Sina, schwieg aber. Wie sollte sie das erklären, wie der jungen Frau und Kollegin das klar machen, Catherine überlegte schon längere Zeit, sich jemanden anzuvertrauen. Aber wem sollte sie von ihrer Entscheidung erzählen, wer würde das verstehen – einen Job aufgeben, nur weil man persönliche Empfindungen nicht unterdrücken konnte, tiefe Gefühle die Arbeit jeden und jeden Tag ein bisschen schwerer machten.
Sina war zwar jünger, doch unerfahren und leichtsinnig war sie nicht. Ihre Unbekümmertheit suggerierte zeitweise Unerfahrenheit und Oberflächlichkeit. Doch das war nicht der Fall, wie Catherine genau wusste. Auf Sina war Verlass, wenn sie vielleicht auch die Ernsthaftigkeit von Catherines Gefühlen nicht würde nachempfinden können, so war sie doch vertrauenswürdig und hatte Catherine schon einige Male geholfen.
„Ich habe in einer Viertelstunde ein Gespräch mit dem Produktionsleiter“, erklärte sie. „Ich darf mich nicht verspäten!“
Ein leises Quietschen ließ sie kurz stocken, die Verbindungstür zum Nachbarraum hatte sich wohl im Luftzug bewegt. Sina fragte „Wieso denn, gibt’s Probleme ... hat doch hoffentlich nichts mit mir zu tun?“, ihr Gesicht verzog sich zu einer fragenden Grimasse, ihre Nase kräuselte sich dabei in typischer Weise. Catherine musste lachen „Nein, dass hat überhaupt nichts mit dir zu tun, glaub mir. Es geht um mich!“
„Lass dir bitte nicht alles aus der Nase ziehen, Cat ... oh Mann, das kannst Du wirklich gut! Los, raus damit, bevor du mir den Nerv tötest, wirst Du befördert? Kriegst du mehr Flocken, lass dich um Himmels willen nicht so ausquetschen!“
„Und lass du mich mal zu Wort kommen!“, wieder ein Geräusch aus dem Nebenraum. Catherine ging ein paar Schritte hin zur Verbindungstür und beugte sich zur Seite um in den Nebenraum zu schauen. Da war niemand.
„Cat ... bitte!!“
„Ja doch, ich weiß nur nicht, wie ich es Dir schonend beibringen soll ...“
„Bist du schwanger? Du weißt doch, mir kannst du alles sagen, bin schließlich nicht deine Mum!“ Sina grinste.
„Ich höre hier auf, ich kündige!“ platzte Catherine heraus. Sie atmete erleichtert aus und schaute ihrer Freundin ins erstaunte Gesicht. Sina blieb der Mund offen stehen und sie, der normalerweise nie die Worte fehlten, schwieg.
„Sina ...?“ Catherine wartete auf einen Kommentar.
Sina schaute sie an „Bitte? Ich hör’ wohl nicht recht! Was soll das denn jetzt?“
Catherine seufzte und wappnete sich für das, was jetzt kommen würde, Sina würde nicht eher nachlassen bis sie alles wusste, nicht nachgeben – bohren, nachhaken und ausquetschen, bis auch das letzte Geheimnis gelüftet sein würde.
„Also ... ich hör’ hier auf, ich werde es Nick gleich beichten. Na ja, leicht wird das nicht, aber ich kann hier nicht mehr arbeiten“, begann sie.
„Das glaub’ ich einfach nicht, wieso denn nicht? Du warst doch so begeistert von der Produktion, den Leuten, den Locations, von dem, was du alles lernen kannst. Und mir hast du es in tönenden Worten auch schmackhaft gemacht, ich glaub’ das einfach nicht! Was steckt dahinter, los red’ schon! Catherine!“ In Sinas Gesicht zeichnete sich Unverständnis und Hilflosigkeit ab. Man sah ihr an, dass sie ihrer Freundin nicht folgen konnte.
„Ich hab’ ein Problem. Ich dachte ich bekäme es in Griff, aber es klappt nicht. Auf der ganzen Linie hab’ ich versagt, Mist!“ Catherine ärgerte sich über sich selbst. Wie sollte sie sich denn verständlich machen, wie die Gefühle und den inneren Aufruhr in Worte fassen?
„Ja, ich höre ...“ Sina stemmte die Hände in die Seite und wippte mit dem Fuß, „ja.... weiter...?“
„Ich ... ich ... meine Güte, wie soll ich das denn sagen? Ich kann nicht mehr mit ihm arbeiten“, jetzt war es heraus.
Sina ließ nicht locker „Sehr interessant ... du kannst nicht mit IHM arbeiten??? Tja, mit wem kannst du nicht arbeiten, Nick, Steve, dem Hairstylisten, dem Kabelträger – wer ist denn der geheimnisvolle Unbekannte, hä?“
„Matthew ...:“ das Wort platzte nur so raus, es war draußen, bevor Catherine wusste, was sie gesagt hatte „Matthew....“
„Matthew .... wen meinst du? Doch nicht etwa .... Matthew, den Matthew. Ne, das glaube ich jetzt nicht, doch nicht Macfadyen? Was hat er dir denn getan, der ist doch obersüß, lustig, freundlich – na ja, er hat auch seine schlechten Tage, aber mit dem kriegt man sich doch nicht in die Haare! Cat!“ Sina zog das letzte Wort wie Gummi.
Catherine zögerte mit ihrer Antwort „Damit hat es nichts zu tun, ich habe mich nicht mit ihm gestritten oder so...“
„Ja, was ist es denn – CAT! Sag’ schon, glaub bloß nicht, dass ich dich jetzt von der Leine lasse, jetzt muss ich alles wissen – sag schon. Du hattest keinen Streit mit ihm, keine Meinungsverschiedenheit, keine krassen Vorschläge für sein Aussehen, keinen lila Lidschatten, keine ....“
„Schon gut, schon gut, nein das ist es nicht.“ Catherine machte eine Pause, atmete durch. „Ich mag ihn“, flüsterte sie.
„Cat – du magst ihn, ja! Ich mag ihn auch!! Cat ....“
Sollte sie es Sina wirklich sagen, das alles wirkte so total lächerlich, so unglaublich lächerlich, aber sie konnte es nicht mehr verleugnen, weder ihrer Freundin gegenüber, noch vor sich selber „Ich hab’ ihn lieb ... ich glaube ich liebe ihn! Verdammt noch mal!“
Sina war stumm, sie blickte ungläubig, aber auch ein bisschen amüsiert, legte den Kopf mit einem wissenden Ausdruck zur Seite, lächelte.
Stille - keine sagte etwas. Catherine schaute zum Fenster, wäre am liebsten dorthin gegangen, hätte am liebsten den Blick wieder über den Hof schweifen lassen. Sina wäre nicht hereingeplatzt. Am liebsten hätte sie alles vergessen. Aber sie betrog sich selbst – und ihre beste Freundin.
„Du hast ihn richtig lieb, du liebst ihn, sagst du. Keine Mädchen-Schwärmerei ....“
„Sina!“ ...
„Schon gut, schon gut, ich mein ja bloß. Bist du sicher?“ Sina blickte sie fragend an.
„So sicher wie ich nur sein kann. Am Anfang freute ich mich auf den Job, ich mochte ihn schon immer, so von weitem halt. Ich sah ihn gerne spielen, hörte gerne seine Stimme und so. Dann lernte ich ihn hier persönlich kennen. Und... ich ... ja, ich verliebte mich in ihn. Ich dachte zuerst, das geht schon vorbei. Macfadyen ... ha! Der ist verheiratet, hat Kinder. Vergiss es einfach, das klappt schon, das wird deine Arbeit nicht beeinflussen, du kannst ganz normal weiter machen. Was für eine Fehleinschätzung! Mein Gott, was für ein fataler Fehler. Es wurde nicht besser, es wurde immer schlimmer und schlimmer“.
„Catherine ....“
„Ich belog mich selbst. Ich entschuldigte das Zittern meiner Hände wenn ich ihn berührte – wohl zu spät ins Bett gekommen, war nicht ausgeschlafen. Ich überspielte meine Fehler, die mir immer häufiger unterliefen, wenn er in der Nähe war. Ich war besonders freundlich zu seiner Frau. Ich belog mich einfach selbst, Sina!“

„Oh Kleines, was machen wir denn jetzt?. Bist du ganz sicher, dass du aufhören willst? Gibt es keine andere Möglichkeit? Catherine, das kann es doch nicht gewesen sein. Dieser blöde Ma .....“
„Bitte nicht Sina. Er kann nun wirklich nichts dafür, meinst du nicht auch?“ fragte Catherine.
„Du hast ja recht. Aber es ärgert mich so – aber – du arme Cat. Kann ich dir irgendwie helfen? Du hast schon soviel für mich gemacht, jetzt bin ich mal dran, oder?“
„Du hast mir schon geholfen. Endlich konnte ich es einmal aussprechen. Es steckte in mir wie ein Stachel, den ich nicht herausziehen konnte. Er ist zwar noch nicht draußen, sitzt aber schon lockerer!“ Catherine lächelte mutig und sah ihre Freundin an.
„Kannst du mich jetzt noch einen Augenblick alleine lassen? Ich muss mich noch auf das Gespräch mit Nick vorbereiten, das wird sicher nicht eben einfach. Ich werde mich für dich einsetzen, Sina. Du hast schon viel gelernt ....“
„Cat, das ist doch wirklich unglaublich, wen interessiert das denn jetzt!“ unterbrach Sina sie. „Ohne dich wird es sowieso keinen Spaß machen ...:“
„Jetzt spinnst du aber, Sina“, Catherines Stimme hob sich. „Sina, bitte, mache es mir nicht noch schwerer. Gib mir ein paar Minuten, ich geh’ danach zu Nick und heute Abend bequatschen wir alles, o.k.?“
Sina gab nach „O.k., heute Abend! Versprochen! Und ich drücke dir die Daumen!“ Sie nahm Catherine in die Arme und drückte sie an sich, küsste sie auf die Wange und lächelte ihr Mut zu. Mit einem Blick über ihre Schulter drehte sie sich um und ging langsam hinaus. Leise schloss sie die Tür hinter sich.

Catherine drehte sich um, betrachtete das Fenster, hörte leise Geräusche vom Hof herauf klingen und ein ganz leises vom Nebenraum.
Sie wandte den Kopf und blickte zu der halb offenen Verbindungstür.
Da stand er.
„Es tut mir so leid“ sagte er leise. „Was kann ich nur tun?“, er versuchte ein Lächeln, das Licht des Fensters spiegelte sich in seinen blauen Augen. Sein schönes Gesicht ließ sie erschauern.
Die Tränen stiegen ihr in die Augen, einfach so. Es gab keinen Grund sie zurückzuhalten.

„Nichts“, sagte sie und ging.

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Zuletzt geändert von cunitia am 28.12.2006, 21:39, insgesamt 3-mal geändert.

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Boah, tolle Geschichte, so schön und traurig. :flenn:

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Cunitia, wie schön, dass du dich getraut hast, es hier einzustellen. Das sind genau die Stories, die ich mir für hier vorgestellt hatte. Es ist eine tolle Bereicherung, danke für die schöne Erzählung!

Und damit machst du vielleicht auch anderen Mut, es dir nachzutun. Ihr seht ja, was dabei Wundervolles herauskommen kann.

Ein kleines Fehlerchen noch, Sina guckt irgendwo in einem Satz "unglaubwürdig", aber ich denke nicht, dass das die Aussage sein soll, ich denke eher, es soll "ungläubig" heißen, jedenfalls in diesem Zusammenhang!

Muss ich heute Nacht wohl überlesen haben, sorry!

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Danke für den Hinweis, Doris - ich hab's gleich abgeändert. Selbst nach mehrmaligem Nachlesen ist mir das auch nicht aufgefallen!! :dankeschön:

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Doris, Cunitia - tolle Geschichten habt ihr geschrieben! Sehr süß, wie Matthew die Kids bändigt (na gut, ein kleines bisschen hilft sie ja auch :roll: ) :wink: . Und die arme, verliebte Sina... hach ja, kann ich mir gut vorstellen, daß so umwerfende Schauspieler wie MM öfter mal für Herzklopfen unter der weiblichen Filmcrew sorgen... :love:

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Sig and Ava by Kiteflier, RichardArmitageNet


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JJ's left hand

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Hach...wie schön traurig cunitia! Bild

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