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| Mill overseer & MM ambassador |
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Registriert: 02.05.2006, 10:58 Beiträge: 24152 Wohnort: zu weit weg von der Glückseligkeit
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So, nun tauchen wir ab heute ein wenig tiefer in die Filmhandlung ein, denn alles, was bisher hier Erwähnung fand, war nur die rund um den Film dazu erfundene Handlung. die nächsten beiden Kapitel werden sich fast komplett mit der Kernhandlung des Filmes auseinandersetzen. Daher sind leichte bis mittlere Spoiler unvermeidlich.
Die Filmhandlung musste ich zur Anpassung an meine Geschichte ganz leicht abändern, aber ich denke, es wird kaum jemandem auffallen. Heute und nächste Woche gibt es Filmbilder zum Text dazu!
Über John of Gaunt hatten wir bereits gesprochen, hier wird sein Palast in West-Yorkshire, Pontefract Castle, erwähnt. Dazu ist anzumerken, dass sich später König Richard II dort für einige Wochen nach seiner Absetzung im Jahr 1399 in Gefangenschaft befand und auch in diesem Palast letztendlich eines wahrscheinlich gewaltsamen Todes im Februar 1400 gestorben ist.
Der im Film eine Rolle spielende Ort liegt laut Umschreibungen also im Norden Englands, anzunehmen zwischen Yorkshire und Durham. Genaues weiß man darüber nicht. Lord de Guise ist eine für den Film frei erfundene Person, ebenso wie die weiteren Personen, die nun in die Handlung miteinbezogen werden.
Personen in diesem Kapitel:
Edmund of Chiswell - junger Rechtsgelehrter und Richter der Krone
Daniel Straaten - dessen Gehilfe
Magdalyn Hobbles - eine junge Frau und Waise, Geliebte von Chiswell
Suzy Archer - eine ältere Frau aus dem Volk, Magdalyns Ersatzmutter
Katherine d'Angier - Hofdame der Königin
Königin Anne - Gemahlin von König Richard II
Personen aus Erzählungen:
John of Gaunt - Onkel des Königs
Lord Robert de Guise - normannischer Edelmann, befiehlt über den Landstrich im Norden
Kaiser Karl IV - Schwiegervater von König Richard II
Thomas Wells - einer der ermordeten Jungen
Martha - eine taubstumme Frau
Nicholas de Valence - Mitglied einer Schauspieltruppe, eigentlich aber ein Priester auf der Flucht
Martin - Kopf der Schauspieltruppe
Ort und Zeit: Nord-Yorkshire, ca. 1390
8. Der Norden
Sie hatten sich die Reise in kleine Abschnitte eingeteilt, aus Rücksicht auf Lord Chiswells noch nicht ganz so stabile Gesundheit. Es war nämlich teilweise bitterkalt und es gab sogar etliche Landstriche, in denen nicht wenig Schnee lag. Die Straßen und Wege waren entweder vereist und nur mit äußerster Vorsicht passierbar oder völlig vermatscht, was die Reisenden und ihre Pferde aussehen ließ, als wären sie direkt einem Schweinekoben entsprungen.
Edmund of Chiswell bemühte sich zwar redlich, sich regelmäßig zu waschen, an Baden konnte man indessen gar nicht denken, aber seine Haare waren nach zwei Tagen bereits wieder fettig und strähnig. Er wollte sie auch bei der Eiseskälte, die sogar in den Herbergen trotz eines Feuers im Kamin herrschte, nicht waschen, aus Angst sich eine Lungenentzündung einzufangen. Man konnte sich nachts nur möglichst rasch in die Strohsäcke und Schaffelle einwickeln und schlafen, dann war die Kälte einigermaßen erträglich.
Meist schliefen sie wieder zu zweit in einem Bett, was angesichts der beinahe unerträglichen Temperaturen auch angebracht war. Zum Glück verlief, abgesehen von der unwirtlichen Witterung, die Reise gen Norden ziemlich ereignislos. Nur ein Mal erlebten sie Aufregendes, als nämlich ein Mann, der über einen zugefrorenen Weiher gelaufen war, ins Eis eingebrochen war und man ihn mit Hilfe eines Seils und der Pferde rasch herausziehen musste. Der gute Mann wäre sonst jämmerlich ertrunken und hatte daher den beiden Reisenden nach erfolgter Rettung fast die Füße geküsst aus lauter Dankbarkeit.
Magdalyn hatte natürlich aus dem Gasthof ausziehen müssen, zurück zu Suzy Archer. Aber das war nicht so schlimm wie die Trennung von Edmund, die sie sehr schmerzte und die sie kaum verwinden konnte. Ihre Tage waren glücklicherweise angefüllt mit dem Unterrichten der armen Kinder, die sonst niemals in den Genuss eines solchen Privilegs gekommen wären, was sie ein wenig von ihrem Kummer ablenkte. Die Unterlagen, die Edmund nicht mit auf die Reise genommen hatte, waren in eine Truhe gepackt und in einer Ecke des Schulzimmers aufbewahrt worden, da er ja das Zimmer im Gasthof ganz aufgegeben hatte.
Auch sie teilte sich das Bett mit Suzy, die Witwe war und deren einziger Sohn sich als Söldner irgendwo herumschlug. Nur noch selten kam er seine Mutter besuchen, sie sah in manchmal monate- oder jahrelang nicht. Eines Morgens wachte Magdalyn mit klappernden Zähnen auf und wollte sich gerade mühsam aus dem Bett schälen, um Feuer zu machen, als ihr plötzlich hundeelend wurde und sie gerade noch knapp den Nachttopf erreichte, um alles dort unter Würgen abladen zu können. Suzy kniff die müden Augen zusammen und hob ihren Kopf aus den Kissen: „Ach du Schande! Das hat uns gerade noch gefehlt!“ Magdalyn blickte kreidebleich von der Nachtschüssel hoch: „Was? Was meinst du, Suzy?“
Die ältere Frau kroch aus dem Bett und baute sich resolut vor Magdalyn auf: „Wann hattest du deine Blutung zum letzten Mal?“ „Woher soll ich das wissen, ich achte nicht darauf, führe nicht Buch darüber!“ „Hättest du mal besser tun sollen, überhaupt, nachdem du dich mit einem Mannsbild eingelassen hattest. Kannst du dir nicht denken, wo deine Übelkeit wahrscheinlich herrührt?“ „Nein! Woher sollte ich auch? Mir sagt ja keiner was.“ Mgadalyn kletterte beleidigt und erschöpft durch das sich Übergeben ins Bett zurück. „Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit trägst du den Bastard dieses Edelmannes! So sieht es aus, mein Fräulein!“
Königin Anne starrte ihre Hofdame aus weit aufgerissenen Augen an: „Wie bitte? Seid Ihr Euch dessen sicher, Katherine?“ Und als die so Angesprochenen unter Schluchzen nickte, brach auch die Königin in ein weinerliches Lamento aus: „Oh, abgesehen von der schändlichen Tat dieses Lord Chiswell, seid Ihr wahrhaft gesegnet. Einmal nur habt Ihr die Saat empfangen und schon ist sie aufgegangen! Seine Majestät und meine arme, gequälte Person sind nun schon seit vielen Jahren vermählt und der Nachwuchs will sich einfach nicht einstellen. Ich versündige mich nur ungern, aber ich muss sagen, das ist wahrhaft ungerecht!“
„Oh Madame, verzeiht meiner unwürdigen Person! Ich bin sicher, auch dem König und Euch wird es noch vergönnt sein, einen Thronerben in den Armen zu halten. Verzeiht mir meine sündige Tat, doch Chiswell hat mir vorgegaukelt, mich zu lieben und mir die Ehe versprochen. Nun sitze ich hier, trage sein Kind und er ist auf Reisen, so weit weg von mir… von uns, seinem ungeborenen Kind und mir.“ „Nun, gerne trage ich den Fall noch einmal Seiner Majestät vor. Er hat aber, so weit ich weiß, bereits Lord Chiswell damit gedroht, ihn im Tower verrotten zu lassen, falls er nach seiner Rückkehr nicht bereit ist, die Ehe mit Euch einzugehen. Da sich aber nun andere Umstände, im wahrsten Sinne des Wortes, ergeben haben, bin ich sicher, dass sich Seine Majestät bestimmt bereit erklärt, seinen Worten noch einmal Nachdruck bei Lord Chiswell zu verleihen. Macht Euch keine Sorgen, meine Liebe, es wird alles ins Lot kommen!“ „Euer Wort in Gottes Ohr, Majestät.“
Edmund of Chiswell und Daniel Straaten hielten kurz auf der Anhöhe an und warfen sich gegenseitig einen raschen Blick zu. Ja, das war das Ziel ihrer Reise, ganz eindeutig. Der Ort hob sich, leicht bestäubt vom Schnee wie von Puderzucker, gegen den Berg und den großen, wehrhaften Turm der alles überragenden Burg ab. Hier hatte Lord de Guise das Sagen, ein Nachkomme der normannischen Eroberer. Keine Frage, dass dessen Vorfahren es früher gewiss nicht leicht gegen die angestammte Bevölkerung hier gehabt haben mussten. Sie trieben beide wieder ihre Pferde an, um die letzten Meilen, die noch zwischen ihnen und dem Ort lagen, möglichst rasch zu bewältigen. Lord Chiswell freut sich ganz besonders, das Ziel endlich erreicht zu haben, endlich kam er wieder aus dem Sattel raus und konnte seine durchgerüttelten Knochen ordentlich regenerieren. Zwar hatten sie für kurze Zeit durch die Fürsprache des Königs die Gastfreundschaft von John of Gaunt im Palast von Pontefract genießen können, was ihnen beiden nach einigen schlechten Herbergen recht gut getan hatte, doch die letzten Etappen waren wieder sehr anstrengend gewesen. Vorsichtshalber steckte Edmund of Chiswell nun das königliche Siegel an seiner Halskette unter sein Obergewand. Er wollte sich nicht sofort zu erkennen geben. Erst einmal sich unauffällig umschauen.

Edmund of Chiswell sichert das königliche Siegel, das an einer Kette um seinen Hals hängt
Einige Zeit später ritten sie durch das Tor und kamen auf einem runden Marktplatz an, wo ein Reisewagen stand, der gerade repariert zu werden schien. Wie Edmund und Daniel sehr schnell herausfanden, gehörte der kaputte Wagen zu einer fahrenden Schauspieltruppe, die sich auch gerade auf eine Vorstellung auf dem Marktplatz vorbereiteten.
Glücklicherweise hatten die beiden gleich ein einigermaßen passables Quartier direkt mit Blick auf den Marktplatz auf der oberen Ebene der rundum verlaufenden Gebäude erhalten, wo man wie von einer Galerie aus alles was unten geschah einsehen konnte. Edmund hatte gerade sein Barett vom Kopf genommen und den Mantel ausgezogen, als sich auch schon die Vorstellung der Theatergruppe ankündigte. Biblische Szenen sollten gespielt werden, begonnen mit Adam und Eva. Edmund schaute eine Weile mit Daniel von oben aus zu, bis er sagte: „Ein wenig provinziell, aber nicht schlecht. Trotzdem, wir sollten an unsere Arbeit zurückkehren.“

Chiswell und Straaten sehen sich von der Galerie aus die Vorstellung der Theatergruppe an
Mit diesen Worten zog er sich in das Innere des Hauses zurück. Es hatte vor kurzem erst einen neuen Mordfall gegeben und eine Frau war am Vortag deswegen zum Tode verurteilt worden. Das war in der Tat eine erschreckende und unerwartete Wendung, die Edmund da bei seiner Ankunft vorgefunden hatte. Er war besorgt. Und er war sich so gut wie sicher, dass die verurteilte Frau ebenso wenig diesen Knaben auf dem Gewissen hatte, wie die anderen angeblichen Mörder die Taten zuvor begangen haben würden. Da war etwas faul, und zwar oberfaul. Das herauszufinden waren er und Daniel letztendlich hier.
Er fragte nicht großartig herum und verhielt sich überhaupt sehr unauffällig. Er beobachtete nur und hörte gut zu, wenn irgendwo etwas erzählt wurde. Sehr merkwürdig kam ihm und Daniel vor, dass de Guise Truppen zusammen ziehen ließ, die von anderen normannischen Lords befehligt wurden.
Während die Theatergruppe ihr eingenommenes Geld nachzählte und feststellte, dass es für eine anständige Beerdigung für ihren auf der Reise verstorbenen Prinzipal nicht reichen würde, und sie daher beschlossen, noch eine Aufführung zu machen, ließ Edmund Daniel einige Daten und Fakten auf einem Blatt zusammenstellen. Er geriet dabei ein klein wenig ins Dozieren, was ihm aber sein eigenes Denken enorm erleichterte: „Also, das hier ist das Land von Lord de Guise. Robert de Guise. Er ist ein guter Freund von König Richard, sie waren gemeinsam in Frankreich, der Krieg, du weißt schon. Sehr zum Leidweisen unseres Königs hat ja sein kaiserlicher Schwiegervater, Kaiser Karl, die in ihn gesetzten Erwartungen bezüglich des Krieges nicht erfüllt. Er hat sich schön fein herausgehalten, der Alte.“
Er rieb sich die Stirn mit der flachen Hand und machte beim Promenieren durch den Raum eine Kehrtwendung: „Egal, zurück zum Thema: Gestern wurde einer taubstummen Frau, Martha, der Prozess wegen Mordes an dem Knaben Thomas Wells gemacht. Sie ist schuldig gesprochen und zum Tode durch den Strang verurteilt worden. Wie alle anderen vier überführten Mörder der vorherigen Opfer auch. Was übrigens bemerkenswert ist. Alle Fälle wurden relativ schnell aufgeklärt, da eindeutige Beweise der Schuld bei den Mördern gefunden wurden. So auch bei Martha. Sie hatte die Geldbörse unter ihrem Bett versteckt, die Thomas Wells auf seinem Weg durch den Wald bei sich hatte.“
Edmund of Chiswell stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab und schaute Daniel Straaten ins Gesicht: „Ein bisschen sehr offensichtlich, dass die Mörder allesamt so unvorsichtig gewesen sein sollen und Habseligkeiten ihrer Opfer bei sich aufbewahrt hatten. Als wäre es ein abgekartetes Spiel.“
Er hielt inne und zog ein Papier an sich heran: „Der Dorfrichter schreibt bei einem Fall dazu, dass es geschehen sei, kurz nachdem Lord de Guise nach längerer Abwesenheit wieder hierher zurückgekehrt ist.“ Wieder blickte er Straaten an: „Hat man sonst Hinweise darauf, dass die Morde in einem Zusammenhang mit de Guises Reisen stehen könnten?“ „Worauf wollt Ihr hinaus, Minheer?“ „Ich weiß es noch nicht, wir sammeln erst einmal alles was uns einfällt. Also, gibt es zeitliche Hinweise in den bruchstückhaften Protokollen?“

Die beiden Männer zerbrechen sich den Kopf über die mysteriösen Mordfälle
Alles wurde durchforstet und sie machten eine Aufstellung der Zusammenhänge. Zweimal gab es Hinweise, dass ein Mord stattgefunden hatte, nachdem Lord de Guise längerer Zeit abwesend und erst kurze Zeit wieder im Lande gewesen war. Bei den beiden anderen Fällen fand man keinen Zusammenhang, aber wohl nur deswegen, weil nichts dergleichen ausdrücklich erwähnt wurde. Was hatte das zu bedeuten?
Die Theatergruppe diskutierte zwischenzeitlich über das nächste Stück, dass sie aufführen wollten. Man konnte sich nicht einigen. Während die älteren Ensemble-Mitglieder dafür waren, ein weiteres Bibelstück zum Besten zu geben, war Nicholas, ein Priester auf Abwegen, der erst vor kurzem zu ihnen gestoßen war, der Meinung, man hätte mehr Aussicht auf Erfolg, wenn man etwas aus dem unmittelbaren Leben dieser Leute zeigen würde. Warum ihnen nicht das Stück von der Ermordung des jungen Thomas Wells spielen? Die Schauspieler führten sehr kontroverse, zum Teil hitzige Diskussionen darüber.
„Martha ist körperlich wahrscheinlich gar nicht in der Lage gewesen, Thomas niederzustrecken. Wenn er gerannt wäre, wäre er sicher auch schneller als sie gewesen. Das passt alles nicht. Ich schätze, Martha ist unschuldig.“ „Werdet Ihr sie dann begnadigen?“ „Daniel, wie kann ich das, wenn ich keinem anderen die Schuld eindeutig zuweisen kann? Oder besser gesagt, dem, den die Schuld nach unseren Nachforschungen zu urteilen ziemlich offensichtlich trifft, kann ich den Prozess nicht machen. Das könnte nur König Richard selbst. Den Leuten hier geht es nicht schlecht. Ich meine, ja, sie sind arm, aber sie stehen in Lohn und Brot und de Guise sorgt dafür. Und das wohl recht ordentlich. Nur der König kann entscheiden, was zu tun ist. Dafür reichen meine Befugnisse nicht aus.“ „Was wollt Ihr tun? Abreisen und den König in Kenntnis setzen?“ „Noch nicht. Wir sollten uns noch ein Weilchen umsehen und umhören. Je mehr Informationen wir bekommen, umso besser. Denn mehr als vage Vermutungen und dürftige Beweise haben wir derzeit kaum.“
Die Schauspieler waren sich nach Intervention ihres Sprechers Martin einig geworden: Man würde ein neues Stück einstudieren, in der Kürze der verbleibenden Zeit wohl mehr improvisieren, dem Vorschlag von Nicholas folgend. Am kommenden Mittag wollten sie es aufführen.
_________________ No, I can't, really... (MMs Antwort auf eine "freche" Frage von mir...)
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