Heute gibt es Nachschub!!! Heute mal ohne "historische Lehrstunde"...
Personen in diesem Kapitel:
Edmund of Chiswell - junger Rechtsgelehrter und Richter der Krone
Daniel Straaten - dessen Gehilfe
Magdalyn Hobbles - eine junge Frau und Waise, Geliebte von Chiswell
König Richard II - selbstredend
John Fordham - Ratgeber und Schatzmeister des Königs
Katherine d'Angier - Hofdame der Königin
Ort und Zeit: London, in der Nähe der Themse, ca. 1390
7. Die Abreise
Sie schliefen lange, viel länger als üblich. Daniel Straaten sprang aber dann doch rasch aus dem Bett und schaute nach Lord Chiswell. Dieser atmete zum Glück ruhig und gleichmäßig. Straaten hieß einen Burschen Feuer machen und Frühstück bringen, und als dies geschehen war, wachte der Genesende endlich auf.
„Meiner Treu, ich habe geschlafen wie ein Stein. Es geht mir eigentlich ganz gut, nur fühle ich mich, als wäre ich unter einen schweren Ackergaul geraten.“
Er schüttelte den Kopf und wollte dann eine Kleinigkeit essen, er musste schließlich wieder zu Kräften kommen.
Noch mit vollem Mund, während des Kauens, begann er mit Daniel über den Fall in Nordengland zu sprechen. Von Bedeutung war insofern die Mitteilung, dass der König und das richterliche Gremium sie geschickt hatte, dort für Aufklärung zu sorgen. Das gefiel Straaten recht gut. Die Aussicht auf eine Reise ließ ihn richtig gutgelaunt werden. Er war schon immer gerne mit Lord Chiswell unterwegs gewesen.
Der nächste Punkt verwunderte ihn auch nicht im Geringsten: „Und Daniel, lass sofort nach Magdalyn schicken. Sie ist hoffentlich nicht schon ganz aufgelöst vor Sorge. Die Krankheit mag ihre guten Seiten gehabt haben, was so einige Vorfälle in Hofkreisen anlangt, aber in Hinsicht auf Magdalyn, die hier ohne Nachricht hat auskommen müssen, war es die reinste Pein.“
Er sprang dann gleich wieder zum ersten Thema: „Bereite für die Reise schon einiges vor, ich werde wohl leider nicht schon bereits morgen abreisen können, auch da hat mir die Krankheit einen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Aber spätestens in drei Tagen werde ich sicher reiten können.“
Edmund war vom ungewohnt vielen Reden und der Nahrungsaufnahme bereits wieder müde und legte sich noch einmal ins Bett. Währenddessen fing Straaten an, die ihm aufgetragenen Botengänge zu erledigen. Die Dringlichkeit und die Reihenfolge brauchte ihm keiner zu verdeutlichen, er wusste von selbst, dass er erst zu Suzy Archer würde gehen müssen.
Magdalyn stürmte, zwei Stufen auf einmal nehmend, die schmale Stiege im Gasthof zum Zimmer von Lord Chiswell hoch. Sie riss die Tür auf und erschrak regelrecht, als sie ihn blass und schmal in den Kissen liegen sah. Seine dunklen Haare waren mal wieder strähnig und bedurften einer Wäsche, wie auch offensichtlich der ganze Mann am besten in einen Zuber mit Wasser gesteckt werden sollte. Mehr als zwei Tage hatte ihn also die Krankheit in Sheen ans Bett gefesselt. Madgalyn hatte sich bereits damit abgefunden gehabt, ihren Geliebten nie wieder zu sehen und sich seit gestern bei Suzy die Augen ausgeweint.
Doch er war nur krank gewesen! Nicht auf und davon. Er hatte sie nicht im Stich gelassen. Sie blickte auf sein schlafendes Antlitz und dicke Tränen rollten ihre Wangen herab. Sie liebte ihn so sehr! Ihr Herz schmerzte regelrecht bei dem Gedanken daran. Sie musste sich höllisch zusammenreißen, um ihm nicht hier und jetzt gleich zu sagen, dass sie ihn liebte. Oder sollte sie es wagen? Er schlief ja, er konnte sie nicht hören. Sie beugte sich zum Bett hinab und flüsterte die Worte: „Ich liebe dich, Edmund of Chiswell.“
Er hatte es gehört. Er war vom Geräusch der sich öffnenden Tür aufgewacht, aber noch nicht ganz bei sich gewesen, jedenfalls nicht so, dass er mit vollem Bewusstsein die Augen hätte aufschlagen können. Immer mehr kam er zu sich und hörte schließlich ihre geflüsterten Worte. Er behielt aber die Augen geschlossen, wollte sie in dem Augenblick nicht bloßstellen.
Edmund ließ einige weitere Minuten nach der Liebeserklärung vergehen, dann öffnete er die Augen und strahlte sie an: „Oh, wie ist es schön, dich beim Aufwachen zu sehen.“
Magdalyn nahm seine Hände in eine Hand und strich ihm mit der anderen über die Stirn und die Haare: „Wie schön, Euch zu sehen, halbwegs wohlauf, welch ein Glück.“
„Bitte, es ist kein Mensch hier außer uns beiden, ich war schlimm krank und du redest mich trotzdem in der Höflichkeitsform an? Magdalyn…“, er klang beinahe flehentlich.
„Es ist ungewohnt für mich, das nicht zu tun, das wisst Ihr doch.“
Ein mahnender Blick von ihm zauberte ihr ein kleines Lächeln auf die Lippen, sie neigte sich näher an sein Gesicht und ergänzte: „Ich weiß doch, wo mein Platz ist, mein Herr.“
Er grinste: „Ja, in meinem Bett!“ Und er zog sie ganz zu sich unter die Decke.
Für großartige Taten war er jedoch noch ein wenig zu schwach und erschöpft, aber er küsste sie inniglich.
Magdalyn richtete sich ein wenig auf und sagte schließlich: „Also gut, aber nur weil du es bist, und nur für die nächste Stunde – Edmund!“
Sie lagen einfach nur gemeinsam im Bett, er erzählte vom Palast in Sheen und vom König, erwähnte aber noch immer Katherine d’Angier mit keinem Wort. Dann kam unweigerlich die Rede auf seine bevorstehende Abreise. Sofort füllten sich Magdalyns Augen mit Tränen.
Mit zärtlicher Geste wischte er die über ihre Wangen kullernden Tränchen weg und hielt sie fest in seinen Armen.
„Nicht doch, nicht doch. Auch von dieser Reise werde ich zurückkommen. Es wird nur eine ganze Weile dauern. Ich hoffe, bis zum Ende des Winters wieder da zu sein.“
Magdalyn grämte sich unendlich, und wollte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Er hakte nach: „Maid, warum weinst du denn so sehr? Wir teilen das Bett, mehr nicht. Gut, ich kann verstehen, dass du dir vielleicht Sorgen um mich machst, aber das kann dich doch nicht so sehr erschüttern. Ich bin dir zu nichts verpflichtet und du bist mir zu nichts verpflichtet. Auch wenn ich zugegebenermaßen mich sehr an dich gewöhnt habe.“
Ihr Kummer wurde durch seine Worte nur noch verstärkt, sie hatte gewusst, dass er ihr das Herz brechen würde. Was hatte sie dumme Gans denn eigentlich erwartet? Dass er in Liebe zu ihr entbrennen würde? Dass er vor ihr auf die Knie sinken und ihr die Ehe anbieten würde? Mädchen, hör’ auf zu träumen, schalt sie selbst. Du bist töricht und das hast du nun davon, dass du an diesen Kerl dein Herz verschleuderst. Er will es nicht!
Rasch wischte sie sich die Tränen ab und lächelte ihn unter Mühen zaghaft an: „Du hast Recht. Du bist mir nicht verpflichtet. Du zahlst mich schließlich gut. Und das meinte ich auch vorhin, als ich sagte, dass ich weiß, wo mein Platz ist. Deswegen mochte ich dich… Euch auch nicht ständig in der vertraulichen Form anreden. Es wäre unangebracht.“
Edmund nickte verstehend. Aber er ahnte bereits, dass sie ihm nur etwas vorspielte. Die Art und Weise, wie sie ihm ihre Liebe ins Ohr geflüstert hatte, war rein und echt und aufrichtig gewesen, das hatte er selbst bei nicht ganz klarem Bewusstsein gespürt. Nur – wie sollte er damit umgehen?
Vielleicht war die Reise doch hilfreich. Die Trennung würde zeigen, was ihre Liebe zu ihm wert war. Und er hatte Zeit, sich eine Lösung zu überlegen. Oder es kam die große Erkenntnis seiner wahren Gefühle für Magdalyn über ihn.
Bitte? Was hatte er da gerade gedacht? Es mussten die Nachwirkungen des Fiebers sein, ganz klar.
Der König war außer sich und tobte lautstark: „Er soll sich vorsehen, dass ich ihm nicht sofort den Henker schicke! Ich nähre eine Schlange an meinem Busen! Wohl nicht zum ersten Mal! Aber so zum Narren gehalten hat mich selten einer! Er ist verschlagen, raffiniert und tritt meine Person mit Füßen. Keinen Funken Respekt hat dieser… dieser mittellose, heruntergekommene Vagabund. Herrgott, ich kann meine Augen nun mal nicht überall haben. Herrscher dieses verkommenen Landes und seiner noch verkommeneren Untertanen zu sein, ist eine Strafe Gottes! Fordham, Ihr veranlasst sofort, dass diesem treulosen Verräter Chiswell eine Notiz zugesandt wird, die ihn meinen ganzen Zorn spüren lassen wird. Droht ihm damit, dass er ertränkt, gehängt und gevierteilt wird und zwar alles gleichzeitig!“
„Sehr wohl, Euer Majestät. Er wird sicher auch von seiner Mission in den Norden suspendiert, oder?“
„Fordham! Seid Ihr wahnsinnig, Mann? Chiswell ist der Einzige, der diesem Fall gewachsen ist. Nein, lasst ihn reisen, aber wenn er zurückkommt, wird er in den Tower geworfen und nicht eher wieder herausgelassen, bis er seiner Verpflichtung gegenüber der Hofdame Ihrer Majestät nachgekommen ist. Wäre doch gelacht, wenn ihn das nicht zur Räson bringen würde! Ah, ich hätte auf seine erstklassigen Referenzen, unter anderem eine löbliche Empfehlung meines werten Schwagers, König Wenzel, scheißen sollen. Ich ahnte, dass er mir nur Scherereien bereiten würde.“
„Mit Verlaub, Euer Majestät: Lord Chiswell ist Euch ziemlich ebenbürtig. Und das scheint sowohl er als auch Ihr, Sire, zu wissen.“
„Wisst Ihr was, Fordham? Ihr habt Recht und nun schert Euch zum Teufel!“
Während in London Edmund of Chiswell sich noch ein wenig Ruhe vor der anstrengenden Reise gönnte, auch um seine Krankheit ein wenig weiter auszukurieren, sann in Sheen Katherine d’Angier auf Rache. Sie hatte sich bereits einen Plan zurechtgelegt. Um diesen aber endlich in die Tat umsetzen zu können, musste sie noch ein klein wenig die Zeit für sich arbeiten lassen. Als sie alles soweit durchdacht hatte, hatte sie sogar ein winziges Lächeln auf den Lippen.
Um Magdalyn versorgt zu wissen - Edmund wollte keinesfalls, dass sie im Bad arbeitete oder einer ähnlich gearteten Beschäftigung während seiner Abwesenheit nachging - wollte er nicht einfach nur Geld da lassen. Sie hatte es gut bei ihm, keine Frage, aber er wollte auch, dass sie eine nützliche Tätigkeit ausübte, wollte sie beschäftigt wissen, damit ihre Tage schneller vorbei gehen würden, um ihretwillen. Nichts zog einen Tag nämlich so sehr in die Länge wie Müßiggang und Langeweile.
Daniel hatte im Haus von Schneidermeister Gillespie eine Stube gefunden, die sich für eine kleine Schule eignete. Dort sollte Magdalyn den kleinen Mädchen und Buben von der Straße das Lesen und Schreiben beibringen, jetzt, wo sie es selbst einwandfrei beherrschte. Für die Unterrichtsmaterialien kam Edmund auf, Meister Gillespie stellte die Stube sogar kostenfrei zur Verfügung. Nur das Holz zum Heizen mussten die Schulkinder selbst mitbringen, was nicht so schwierig war, da man am Themseufer genug Treibholz oder Holzteile von kaputten Schiffen fand. Für diese Arbeit wurde nun also Magdalyn von Edmund entlohnt, was sie mit Stolz erfüllte. Sie verdiente jetzt ihr Geld nicht mehr im Bett dieses Mannes. Ein gutes Gefühl.
Kein gutes Gefühl war es hingegen, dies allein zu bewerkstelligen müssen, denn die Abreise von Edmund of Chiswell und Daniel Straaten stand unmittelbar bevor.
Die Nacht vor deren Aufbruch verbrachten Edmund und Magdalyn wie im Rausch. Sie liebten sich wieder und wieder, Magdalyn klammerte sich regelrecht an ihn und wenn er nicht ein klein wenig Schlaf gebraucht hätte in Anbetracht der anstrengende Reise, die vor ihm lag, hätten sie wohl beide gar nicht mehr voneinander gelassen.
Er stahl sich aus ihrer Umarmung beim ersten Hahnenschrei. Sie schlief zum Glück tief und fest weiter. Sanft strich er über ihr gelöstes, wirres Haar und flüsterte: „Ich komme wieder. So schnell es geht. Ich… lebe wohl!“
Straaten wartete an der Straßenecke schon mit den Pferden auf ihn. Proviant war vorhanden, ein gefüllter Geldbeutel auch, die Pferde waren gut genährt und ausgeruht und Edmund of Chiswell musste zugeben, dass er voller Vorfreude auf das Abenteuer war. Er versagte sich, an die Frau in seinem Bett zu denken. Ihr würde es gut gehen, er hatte für alles Sorge getragen.
Zuletzt geändert von doris-anglophil am 17.01.2008, 20:52, insgesamt 1-mal geändert.