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So, nun geht es heute mal hier ein wenig weiter!
Anmerkungen zu diesem Kapitel:
Es werden kurz zwei Personen erwähnt, nämlich John of Gaunt (Johann von Gent) und Henry Bolingbroke. Ersterer ist der Onkel von König Richard II, das andere dessen Sohn, der spätere König Henry IV (womit wir - wenn wir sehr großzügig sind - einen Bogen zu MMs Bühnendarstellung im Sommer 2005 schlagen, als es im RNT beide Teile von Shakespeares "Henry IV" gab). Mit diesen beiden Herren hatte Richard II teilweise schwerwiegende Zwistigkeiten, die hier aufzuführen einfach den Rahmen der Geschichte und deren Schwerpunkt sprengen würde. Es reicht zu wissen, dass da massive Intrigen mit Absetzungen, Verbannung, Exil, Versöhnungen, etc. gelaufen sind.
Personen in diesem Kapitel:
Edmund of Chiswell - junger Rechtsgelehrter und Richter der Krone
Daniel Straaten - dessen Gehilfe
König Richard II - selbstredend
Katherine d'Angier - Hofdame der Königin
sowie die Kollegen Richter und der Leibarzt des Königs
Ort und Zeit: Palast von Sheen, Richmond, ca. 1390
Personen aus Erzählungen:
John of Gaunt - Onkel des Königs
Henry Bolingbroke - dessen Sohn, Vetter des Königs
6. Die Krankheit
Je näher sie Sheen kamen, desto mulmiger wurde Lord Chiswell zumute. Kurz vor dem Ziel machten sie noch einmal Rast und tranken einen Schluck Branntwein aus der Feldflasche um die beißende Kälte etwas besser ertragen zu können. Sie waren beide steif gefroren und es würde einem Wunder gleichkommen, wenn sie sich nicht sogar eine böse Erkältung zugezogen hätten. Edmund Chiswell leerte noch einmal seine Blase, bevor sie die letzte Etappe angingen.
Am Portal zog er die Mappe unter dem Sattel hervor, sowie die Depesche mit dem Siegel des Königs und verabschiedete sich mit einem leicht verzweifelten Grinsen auf dem Gesicht von Daniel Straaten. Der hatte die Aufgabe, ein Quartier für sich, seinen Herrn, und die Pferde zu suchen. In dem Augenblick, da Edmund Chiswell den Schlosshof betrat, fing es an zu schneien.
Edmund Chiswell wurde die Wartezeit in einem zugigen Korridor des Schlosses lange. Man hatte ihm bedeutet zu warten und nach seinem Dafürhalten waren mittlerweile bereits Stunden vergangen. Er nieste heftig. Wunderbar, der kalte Gang trug sicher nicht zu seinem allgemeinen Wohlbefinden und zu seiner Aufwärmung bei. Er fluchte leise vor sich hin. Endlich öffnete sich eine Tür und eine Wache bat ihn endlich einzutreten.
Die angenehme Wärme eines großen Kaminfeuers schlug ihm entgegen. Der Tonfall des Königs hingegen war eisiger als die Luft draußen: „Chiswell! Ihr durchtriebenes Schwein! Ihr werdet sofort Lady Katherine Eure Aufwartung machen und ihr das anbieten, was sie und Wir, Ihre Majestät et moi, unverzüglich von Euch erwarten. Habt Ihr mich verstanden, Chiswell?“ „Klar und deutlich, Euer Majestät.“ „Wunderbar. Was Ihr mir sonst noch vorzutragen habt, kann doch sicher bis danach warten.“ Edmund hatte eine winzige Chance, und die nutzte er sofort: „Mit Verlaub, Euer Majestät, ich würde Euch die Sache gerne zuerst vorstellen, um mich dann völlig ungestört und ohne Zeitdruck Lady Katherine widmen zu können. Sind denn noch weitere Richter anwesend, Sire?“
Der König strich sich mit den Fingern nachdenklich über sein Kinn, dann nickte er seine Zustimmung: „Also gut. Aber glaubt nicht, dass ich Euren Ansinnen immer nachgeben werde. Es ist eine Ausnahme, weil Ihr Euch so einsichtig zeigt und nicht versucht, Euren Pflichten hier durch faule Ausflüchte zu entkommen. Ich werde das richterliche Gremium sofort einberufen.“
Lord Chiswell nieste diskret, aber leider blieb dies nicht unbemerkt vom König. Während er Befehl gab, das Richterkollegium zusammenzurufen, rief er Edmund zu: „Was ist mit Euch? Verkühlt?“ „Macht Euch keine Gedanken, Sire, nur der Anflug eines Schnupfens.“ „Wie Ihr meint. Folgt dem Kammerherrn, er wird Euch zum Gartensaal führen, dort trefft Ihr auf Eure Richterkollegen. Der Kamin dort ist ebenfalls eingeheizt, falls das Euch Sorge bereiten sollte.“ „Euer Majestät sind zu gütig. Ich danke herzlich.“
Er gelangte in einen nicht ganz so düsteren, etwas freundlicheren Raum, wo es ebenfalls angenehm warm war, wenngleich vielleicht nicht ganz so heiß wie im Empfangszimmer des Königs. Es waren bereits zwei Herren anwesend, weitere gesellten sich nach und nach dazu. Sie stellten sich einander vor. Zum Schluss rauschte König Richard herein, er hatte nun sogar eine Krone auf dem Haupt sitzen, fast als wäre dies ein Treffen des Parlaments.
Edmund nieste noch einmal, bevor er sich erhob und den Fall allen Anwesenden vortrug. Er war in seinem Element, hier bewegte er sich auf sicherem Boden, in diesen Rechtsangelegenheiten konnte ihm kaum einer das Wasser reichen. Viele der Kollegen erkannten das auch sofort an und gaben ihrem Respekt für Lord Chiswell neidlos Ausdruck. Als er geendet hatte, war er regelrecht ins Schwitzen geraten. Erhitzt ließ er sich wieder auf seinem Platz nieder und wartete die allgemeine Diskussion ab. Die Rechtsgelehrten waren sich schnell einig, dass man sich unbedingt vor Ort ein Bild der Lage machen sollte.
Der König hörte sich relativ gelassen alle Argumente an und erhob sich letztendlich, um eine Entscheidung zu fällen: „Gut. Ich habe mehr als genug gehört und muss auch sagen, dass ich sehr besorgt über die Entwicklung in diesem abgelegenen Nest bin. Zumal es sich bei dem zuständigen Herrn über das Land dort um de Guise, einen guten Freund meiner Person handelt. Wir haben in Frankreich einiges gemeinsam erlebt. Wenn wir jemanden schicken, dort Nachforschungen anzustellen und gegebenenfalls die mysteriösen Fälle aufzuklären, dann käme dafür nur Lord Chiswell selbst in Frage. Das trifft sich aber augenblicklich gar nicht gut, da Lord Chiswell gerade im Begriff ist, in den Stand der Ehe zu treten. Wir müssen eine andere praktikable Lösung finden, Mylords.“
Edmund erhob sich schwerfällig, ihm war mittlerweile recht schwindlig, und ergriff erneut das Wort: „Wenn Euer Majestät erlauben, möchte ich selbst einen Vorschlag unterbreiten.“ Der König sah ihn erstaunt an, gab aber mit einer huldvollen Handbewegung seine Erlaubnis: „Von mir aus. Fahrt fort, Mylord.“ „Danke, Sire. Ich bitte um Aufschub meiner Vermählung bis zu meiner Rückkehr aus dem Norden. Der Fall ist viel zu dringlich, als dass man die Dinge noch länger auf sich beruhen lassen könnte. Ich bitte Euch, Sire!“ „Chiswell, Chiswell. Die Privatangelegenheiten hier sind ebenfalls dringend, das wisst Ihr. Nun denn, Ihr reist in den Norden, unter der Voraussetzung, dass Ihr Euch noch heute verlobt. Ist das ein Handel nach Eurem Geschmack?“ Edmund Chiswell konnte noch antworten: „Das ist es, Euer Majestät“, dann umgab ihn tiefe Nacht.
Als er mühsam die Augen wieder aufschlug, lag er in einem prachtvollen Bett und blickte in die grauen Augen eines ihm unbekannten Mannes. „Wer seid Ihr?“ Seine Stimme war nur ein heiseres Krächzen, sein Kopf dröhnte, seine Nase war verstopft und er hatte das Gefühl, innerlich zu glühen. „Der Arzt seiner Majestät, Mylord.“ „Ah. Was ist mit mir?“ „Ihr habt ordentlich Fieber und eine Halsentzündung. Unangenehm. Ab und zu tödlich. Aber wir wollen das Beste hoffen. Das Fieber an sich ist nicht schlecht, es vertreibt die Krankheit. Aber steigt die Temperatur zu hoch, wird es gefährlich. Wir müssen abwarten.“
Edmund döste wieder ein und hatte Fieberträume. Er träumte von ermordeten Knaben, davon einer sein eigener Sohn. Er träumte von einer Hochzeit mit Magdalyn, als er aber ins Brautbett stieg, lag nicht sie darin, sondern Katherine d’Angier. Er träumte von einem König Richard, der mehr einer Schachfigur glich, ihm aber trotzdem mit dem Henker des Towers, der sinnigerweise der Turm des Schachspiels war, nachstellte, um ihm mit geschärftem Beil den Kopf abzuschlagen. Er träumte von Meister Gillespie, der ihm ein besonders hübsches Totenhemd schneidern wollte.
„Nun, er hat es überstanden, das Fieber ist gesunken.“ Edmund hörte die Stimme des Arztes und schlug die Augen auf. Neben seinem Bett stand außer dem Arzt auch Daniel Straaten. Lord Chiswell versuchte sich in einem schmalen Lächeln: „Daniel, wie kommst du denn hierher?“ „Minheer, ich habe hier im Palast vorgesprochen als Ihr nach einem ganzen Tag lang noch immer nicht zurück gekommen wart. Und man hat mir gesagt, wie krank Ihr seid, und mich dann auch zu Euch gelassen.“ „Oh Daniel, du treue Seele. Wie lange bin ich schon hier?“
„Nur zwei Tage, Ihr habt erstaunliche Kräfte und die Krankheit schnell besiegt. Das Fieber muss allerdings sehr hoch gewesen sein.“ „Ich möchte nach London zurück. Ich möchte zu…“, er winkte Straaten nahe zu sich heran, damit der Arzt nicht mithören konnte, und vollendete dann erst den Satz, „ich möchte zu Magdalyn. Sie muss sehr in Sorge um mich, um uns sein.“ „Ich verstehe, Mylord. Ihr werdet den Arzt befragen müssen, ob dies möglich sein wird.“
Der Arzt schlug die Hände über dem Kopf zusammen über das unmögliche Ansinnen seines Patienten: „Nein, Mylord, das steht völlig außer Frage. Ihr dürft frühestens in drei Tagen wieder nach London zurück.“ Aber er hatte nicht mit Lord Chiswells Sturheit und Durchsetzungsvermögen gerechnet. „Gut, ich sehe ein, dass ich nach dieser schweren Krankheit die Strecke nicht werde zu Pferd bewältigen können. Wir mieten eine Kutsche und fahren zurück. Das Geld muss es mir wert sein. Wenn mein Gehilfe dafür sorgt, dass es warm in der Kutsche ist, und Möglichkeiten, dass dem Genüge getan wird, gibt es durchaus, dann bestehe ich auf meiner Rückkehr nach London.“ „Mylord, tut was Ihr nicht lassen könnt, aber die bessere Pflege und Bequemlichkeit habt Ihr gewiss hier in Sheen.“ „Daniel, bereite bitte alles vor. Wir kehren nach London zurück. So schnell es geht!“
Katherine d’Angier lief wie ein Raubtier im Käfig in den Gemächern der Königin auf und ab. Verflucht, verflucht! Sie hatte sich unbedingt diesen Chiswell angeln wollen und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihr Ziel zu erreichen. Als sie den Weg über Königin Anne und somit über König Richard gegangen war, war sie diesem Ziel auch sehr, sehr nahe gewesen. Doch dann war dieser elende Kerl einfach schwer krank geworden. Und die Königin hatte ihr außerdem mitgeteilt, dass die Vermählung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden muss, da Lord Chiswell auf Geheiß des Königs und des Rates der Richter nach Norden entsendet werden soll.
Wenigstens ein Heiratsversprechen hatte sie ihm abringen wollen, doch auch das hatte sich als nicht so einfach erwiesen. Die Verlobung hatte ebenfalls wegen der Krankheit aufgeschoben werden müssen. Doch nun, so hörte Katherine, war Lord Chiswell auf dem Weg der Besserung. Sie rang verzweifelt die Hände. Ob er sich ihr heute Abend endlich erklären würde?
König Richard befand sich gar nicht mehr in Sheen, er war nach Westminster zurückgekehrt, da es mal wieder Schwierigkeiten mit seinem Vetter Henry Bolingbroke und dessen Vater John of Gaunt gegeben hatte. Somit hatte Edmund enormes Glück, denn niemand konnte seine Abreise verhindern. Er selbst war ein hoher Würdenträger des Staates, die Richter der Krone hatten große Machtbefugnisse und waren nur dem König persönlich Rechenschaft schuldig.
Als am späten Nachmittag die von Straaten besorgte Kutsche im Schlosshof wendete und ein sehr schwacher, aber mit eisernem Willen ausgestatteter Edmund Chiswell, auf Daniel Straaten gestützt, einstieg, bekam es außer dem Arzt niemand mit.
Als die Kutsche mit den beiden Männern Vauxhall erreicht hatte, wurde in Sheen Katherine d’Angier von einem derart schlimmen hysterischen Anfall heimgesucht, dass die Königin sie vorzeitig zu Bett schicken musste. Eine Magd stand ihr während der Nacht zur Seite, im Falle es ihr in den Sinn kommen sollte, sich etwas anzutun.
Sehr spät am Abend kamen sie in London an. Das Zimmer in der Herberge war kalt und leer, natürlich, Magdalyn würde sicher noch bei Suzy Archer sein. Nachdem ein Feuer angefacht war, brachte Daniel persönlich Lord Chiswell zu Bett. Der war völlig apathisch und konnte sich nicht einmal mehr verbal artikulieren. Straaten fürchtete schon einen Rückschlag für ihn. Dann legte er sich in das Bett gegenüber und behielt im Halbschlaf seinen Herrn stets ein wenig im Blick.
_________________ No, I can't, really... (MMs Antwort auf eine "freche" Frage von mir...)
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