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BeitragVerfasst: 01.01.2008, 21:22 
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Lovelace's dearest creature
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doris-anglophil hat geschrieben:
Noch eine Anmerkung zu Katherine: Die Tatsache, dass sie unverheiratet und eine Dame von Stand ist und trotzdem keine Jungfrau mehr, lässt bei ihr tief blicken. Im Prinzip war das damals weit schwerwiegender, als eine Hure zu sein, also eine Frau, die gegen Bezahlung Liebesdienste anbietet. Nur ihr (Katherines) hoher Stand und das Unwissen der anderen über ihren wahren Charakter verhindert, dass sie auf der sozialen Leiter ziemlich weit unten steht.

Das ist auch der Grund, warum mir diese Katherine gleich unsympatisch ist.
Unsympatisch ist auch nicht so das richtige Wort. Für die damalige Zeit scheint sie mir sehr unabhänig zu sein. Ich glaube nicht, dass sie sich von einem Mann unterbuttern würde.

Katherine erinnert mich total an, ach ich komm jetzt nicht auf die Rolle. :roll:
Jedenfalls der Charakter in "Gefährliche Liebschaften", der von Glen Close gespielt wurde.

Ansonsten: Tolles Kapitel! :daumen:

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Verfasst: 01.01.2008, 21:22 


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BeitragVerfasst: 01.01.2008, 21:31 
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Mill overseer & MM ambassador
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Anke hat geschrieben:
Das ist auch der Grund, warum mir diese Katherine gleich unsympatisch ist.
Unsympatisch ist auch nicht so das richtige Wort. Für die damalige Zeit scheint sie mir sehr unabhänig zu sein. Ich glaube nicht, dass sie sich von einem Mann unterbuttern würde.

Katherine erinnert mich total an, ach ich komm jetzt nicht auf die Rolle. :roll:
Jedenfalls der Charakter in "Gefährliche Liebschaften", der von Glen Close gespielt wurde.

Ansonsten: Tolles Kapitel! :daumen:


Das war die Marquise de Merteuil.

Und kann es sein, dass das Wort, das du an Stelle von "unsympathisch" suchst, "verschlagen" ist?

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No, I can't, really... (MMs Antwort auf eine "freche" Frage von mir...)


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BeitragVerfasst: 01.01.2008, 22:07 
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Lovelace's dearest creature
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doris-anglophil hat geschrieben:
Das war die Marquise de Merteuil.

Ja, genau die meine ich. Danke, Doris!

Zitat:
Und kann es sein, dass das Wort, das du an Stelle von "unsympathisch" suchst, "verschlagen" ist?

Ja, so ungefähr.

So durchtrieben. Sie weiß was sie will. Setzt es dann auch durch, zu ihren Gunsten, selbst wenn sie über Leichen gehen müsste.

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BeitragVerfasst: 01.01.2008, 23:23 
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Paul's love therapist

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Ich würde sein Verhalten nicht nur durch Alkohol entschuldigen. Ich denke er hat sich blenden lassen von ihrer vornehmen Kleidung und ihrem hohen Stand...so ähnlich, wie wenn heutzutage ein Mann geschmeichelt wäre , wenn Christina Aguilera oder Shakira Interesse an ihm zeigen würde. Da würde er auch nicht lange überlegen....erst hinterher....

super Kapitel !!!

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BeitragVerfasst: 03.01.2008, 13:32 
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Mill overseer & MM ambassador
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Heute also Kapitel fünf der Geschichte.

Folgende Anmerkungen für das heutige Kapitel:

Der Palast von Sheen war der Vorläufer des Palastes von Richmond. Eine sehr beliebte Residenz von König Edward III und Richard II. Vor allem war Königin Anne (die Frau König Richards) dort überwiegend wohnhaft.
Als Anne im zarten Alter von 28 Jahren 1394 kinderlos an der Pest starb, ließ König Richard in seiner unbändigen Trauer (er und Anne liebten sich tatsächlich sehr) den Palast zerstören. Zwanzig Jahre lang lag dort alles in Schutt und Asche, bevor Henry V es 1414 als Palast von Richmond wieder aufbauen ließ.

Personen in diesem Kapitel:

Edmund of Chiswell - junger Rechtsgelehrter und Richter der Krone
Daniel Straaten - dessen Gehilfe
Magdalyn Hobbles - eine junge Frau und Waise
Suzy Archer - eine ältere Frau aus dem Volk, Magdalyns Ersatzmutter

Ort und Zeit: London, in der Nähe der Themse, ca. 1390


5. Der Fall

Als die Kirchturmglocken zu Mittag läuteten, unterbrach er seine Arbeit, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Es war kalt geworden, der Nebel hing grau und feucht über dem Fluss. In der Nähe von Gillespies Haus traf er auf Magdalyn, die sich mit einer Frau mittleren Alters unterhielt. Magdalyn blickte ihn nicht an, sondern hielt den Blick zu Boden gesenkt, als er sich den beiden Frauen näherte.
Die Frau neben ihr war um einiges dreister, der Vorzug des Alters eben: „Ah, mir scheint, da kommt dein Gönner, Mädchen. Der Größe nach zu urteilen kann nur er es sein, nicht wahr?“
Magdalyn nickte stumm.

Lord Chiswell verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: „Wäre es nicht ein Gebot der Höflichkeit mich deiner Begleiterin vorzustellen, Magdalyn?“
Die so Angesprochene murmelte nahezu unverständlich: „Mein Herr, das ist Suzy Archer, unsere frühere Nachbarin. Suzy, das ist Lord Chiswell.“
Suzy Archer deutete einen unbeholfenen Knicks an, was Edmund zu einem amüsierten Lächeln animierte.
„Ich wollte die Unterhaltung nicht stören, möchte aber Magdalyn fragen, ob sie weiß wo Straaten abgeblieben ist, ich habe nämlich Hunger.“

Magdalyn wandte sich nun unwirsch an Edmund: „Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er damit beschäftigt Schriftstücke für Euch zu kopieren in der Schlafkammer der Herberge. Ob er an ein Mittagsmahl für Euch gedacht hat, weiß ich leider nicht.“
„Hast du vielleicht an ein Mittagsmahl für mich gedacht?“ Seine Frage klang beinahe zärtlich und Suzy Archer bemerkte sofort den leidenschaftlichen Blick, den er ihr dabei zuwarf.

Doch die Antwort von Magdalyn kam wie Schwall kalten Wassers, sogar Suzy Archer zuckte dabei zusammen: „Nein. Bin ich Eure Köchin oder Eure Hure, mein Herr? Wohl Letzteres und selbst davon habe ich seit geraumer Zeit nichts mehr gemerkt.“
Sie biss sich rasch auf die Lippen, sie war in ihrem Kummer und Zorn viel zu weit gegangen, normalerweise hätte sie sich solche Worte gar nicht getraut zu sagen. Aber die Enttäuschung hatte wohl so heftig an ihr genagt, dass sich alles Aufgestaute nun plötzlich einen Weg nach draußen gesucht hatte.
Mit hochrotem Kopf murmelte Suzy Archer einige Worte der Entschuldigung und entzog sich eilends dieser angespannten Atmosphäre.

Aufs Äußerste überrascht packte Chiswell das Mädchen am Oberarm und unterdrückte nur mit Mühe den Impuls, sie durchzuschütteln: „Wie soll ich bitte das verstehen? Was hat das zu bedeuten? Bin ich nicht immer gut und aufmerksam zu dir gewesen, du undankbares Ding?“

Doch er hatte genau die verkehrten Worte benutzt, Magdalyn holte tief Luft und schleuderte ihm entgegen: „Genau! ‚Ding’ trifft es wohl am besten. Ich bin ja nur ein nützlicher Gegenstand für Euch, etwas, was man bei Bedarf benutzt und danach nicht mehr beachtet. Aber ich bin kein Holzklotz, auch wenn Euch das vielleicht entgangen sein sollte, ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ich lebe, atme und fühle. Und… und… ach, zur Hölle mit Euch! Ich wünschte, ich hätte Euch nie getroffen.“

Edmund überlegte kurz. Hatte sie etwa mitbekommen, dass er und Katherine es miteinander getrieben hatten und war am Ende eifersüchtig? Er verfügte dank seines Berufes über eine rasche Auffassungsgabe und konnte zielgerichtet kombinieren. Nein, diese Möglichkeit kam nicht in Frage. Aber etwas an ihrer Reaktion hatte eindeutig den Anflug von Eifersucht. Doch woher? Und weshalb? Er bezahlte sie gut für ihr Entgegenkommen. Sie hatte zugestimmt, seine Hure zu werden. Was also war ihr Problem?

Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als nachzuforschen. Die Auseinandersetzung mit Magdalyn kam ihm zeitlich sehr ungelegen, er hatte gerade begonnen, in einer umfangreichen Akte zu lesen und dies schien der erste Fall zu sein, der eine interessante Entwicklung versprach. Aber die Gemütslage des Mädchens ließ ihm zunächst keine andere Wahl, außerdem war er kein Unmensch, er wusste, dass selbst dieses Mädchen eine Aussprache verdient hatte.
Er lockerte den Griff um ihren Arm und versuchte, sie in seine Arme zu ziehen. Er rechnete mit erbittertem Widerstand, ihrer Laune nach zu urteilen, doch sie ließ es fast willenlos geschehen und brach schluchzend in die Knie als sie seine starken Arme um sich spürte.

„Was ist los, mein Kleines? Was bedrückt dich, dass du so harsch mit mir umspringst?“
Sie konnte vor lauter Schluchzen erst nicht antworten, war nur froh, dass sie in seinen Armen, an seiner breiten Brust geborgen war.
Dann sammelte sie sich ein wenig und stotterte in sein Lederwams hinein: „Oh, Ihr… Ihr habt gestern so gut ausgesehen. Und ich… ich war den ganzen Tag bis in die Nacht hinein so… so allein. Und als Ihr dann zurückgekommen seid, hatte ich mich so auf Euch gefreut, aber… aber Ihr seid gleich eingeschlafen und habt mir die Ohren voll geschnarcht und da… da war ich sehr enttäuscht.“
„Und ich dachte, du würdest schlafen und wollte dich nicht stören.“
„Und heute früh? Ihr hättet mich doch heute früh haben können.“
„Magdalyn, ich hatte den Katzenjammer, schreckliche Kopfschmerzen. Ich habe dich nicht verschmäht, falls dies dein Eindruck gewesen sein sollte. Hattest du mich wirklich so sehr vermisst?“

Sie nickte unter einem weiteren trockenen Schluchzer an seiner Brust. Edmund war fast ein wenig gerührt von ihrer naiven Zuneigung. Zärtlich neigte er seinen Kopf und küsste sie, erst sanft, dann fordernder.
Ein leises „Oh, Edmund“ entschlüpfte ihr, was Signal für ihn zum Aufbruch war, bevor sie beide hier noch zum Gespött der Straße wurden.
„Komm’ mit, wir werfen Daniel aus dem Zimmer und ich werde dir auf der Stelle meine Leidenschaft beweisen.“ Er zog sie im Laufschritt mit sich Richtung Herberge.

Daniel Straaten räumte ohne zu Murren das Feld, als Magdalyn mit verquollenen Augen und hektisch geröteten Wangen und Lord Chiswell mit allen Anzeichen von körperlicher Erregung in der Herberge eintrafen.
Der Gehilfe hatte schon manche Affäre von Chiswell miterlebt, aber noch nie eine derartige Bindung an eine Hure, wenn auch an ein augenscheinlich wirklich besonderes Mädchen wie Magdalyn, wie dieses Mal.

Edmund nahm sich viel Zeit für den Liebesakt mit Magdalyn, auch wenn er diese Zeit eigentlich nicht hatte. Es war eine völlig andere Sache als diese unkontrollierte, gierige Triebhaftigkeit gestern im Palast.
Er gab ihr nicht nur seinen Körper allein, sondern ging gefühlvoll zur Sache. Er verwöhnte zuerst Magdalyn bis sie um Gnade flehte und ergötzte sich selbst daran, dass er sie mehrere Male zu höchsten Wonnen gebracht hatte. Dann erst versenkte er sich in ihr und ließ alles heraus.

Als Lord Chiswell beim Kerzenschein über den Akten brütete, machte er sich noch einmal den Unterschied zwischen beiden Frauen klar. Was er heute Mittag mit seiner Hure gehabt hatte, das konnte man nicht mit dem vergleichen, was sich in Westminster abgespielt hatte. Er gab es nicht gerne zu, aber der reinen Triebbefriedigung und der Neugier auf ein nettes Abenteuer stand etwas sehr Wichtiges entgegen: Emotionen!

Sein Gesicht verzog sich bei dieser Erkenntnis. Das war nicht gut, das war gar nicht gut. Gefühle für eine Hure. In was manövrierte er sich da um Himmels willen hinein?
So gut es ging, konzentrierte er sich wieder auf die Akte vor ihm: Etliche Kindesmorde in einem Ort in Nordengland. Eine merkwürdige Häufung dieser Delikte. Zwar hatte der Ortsrichter (mit Hilfe des Priesters wohl, der als Einziger dort anscheinend schreiben konnte) protokolliert, dass alle Verbrechen hatten aufgeklärt werden können und die Täter alle ihrer gerechten Strafe zugeführt geworden waren, merkwürdig blieb die Sache trotzdem. Warum wurden ausgerechnet dort so viele Kinder, alles halbwüchsige Knaben, mutwillig getötet? Was ging in diesem Ort vor sich?

Edmund Chiswell besprach den Sachverhalt mit Daniel. Auch der konnte sich kaum einen Reim auf all das machen und war ratlos. Edmund beschloss, den Fall den anderen Richtern und dem König vorzutragen. Vielleicht fand man gemeinsam des Rätsels Lösung.
Das Nachtmahl, das beide Herren zusammen mit Magdalyn einnahmen, die vor Freude darüber strahlte, verlief sehr harmonisch, auch wenn Lord Chiswell ab und zu trübe Gedanken plagten. Wie würde er vom König empfangen werden, wenn er ihm den Fall vorstellen würde? Würde er ihn unter Androhung der Todesstrafe sofort nötigen, Katherine d’Angier zu heiraten? Oder war der Monarch vielleicht noch gar nicht in Kenntnis gesetzt von der unseligen Angelegenheit? Edmund fühlte sich ziemlich unwohl in seiner Haut.

Trotzdem verbrachten er und Magdalyn eine Nacht voller Leidenschaft miteinander. Sie spendeten sich gegenseitig Wärme, nun, da es sehr kalt in England wurde.
Edmund Chiswell wusste auch nicht, wann seine Nachricht an den König weitergeleitet und er zur Erörterung der Lage in den Palast beordert werden würde. Es konnte Tage, vielleicht sogar Wochen dauern.

Drei Tage später kam die Depesche vom Hof: Edmund Lord Chiswell habe sich unverzüglich in den Palast Ihrer Majestät, der Königin, nach Sheen zu begeben. Edmund zermarterte sich den Kopf, ob dieser Befehl günstig oder ungünstig für ihn war. Als günstig angesehen werde konnte die Tatsache, dass man ihn nicht direkt in den Tower beordert hatte, denn wenn es das gewesen wäre, war Edmund sich fast sicher, dass er diese Festung nicht mehr lebend verlassen hätte.
Ungünstig war, dass es ausdrücklich hieß, in den Palast Ihrer Majestät nach Sheen. Das sah klar nach einem Zusammenhang mit Katherine d’Angier aus. Er brütete finster vor sich hin.

Magdalyn merkte, dass er nicht gut gelaunt war, auch wenn er dies zu verbergen versuchte, vor allem ihr gegenüber. Aber sie hatte kein Recht, ihn danach zu fragen. Kam er von selbst und redet mit ihr darüber – gut, zog er es hingegen vor zu schweigen, hatte sie dies zu akzeptieren.

Einmal mehr wechselte er seine bequeme und abgetragene Lederkleidung gegen die schwere, höfische Mode. Er ließ sich sein Pferd aus dem Mietstall bringen, nach Sheen, weit vor den Toren Londons in den grünen Hügeln Richmonds gelegen, einer Landresidenz der Königin, war es ein weiter Ritt. Und das ausgerechnet jetzt, wo es jeden Moment zu schneien anfangen konnte.
Gut nur, dass das dicke Gewand einiges Wind und Wetter entgegenzusetzen hatte. Daniel würde ihn begleiten, aber eben auch nur bis vor die Tore des Palastes. Er hatte eine Mappe mit Schriftstücken über die sonderbaren Mordfälle in Nordengland unter den Sattel geklemmt und so konnte es losgehen.

Er hatte es nicht übers Herz gebracht, vor seiner Abreise mit Magdalyn offen darüber zu sprechen, dass die Möglichkeit gegeben war, dass er als verheirateter Mann (oder zumindest so gut wie verheiratet) aus Sheen wiederkehren könnte. Es war auch klar, dass er die Nacht in Sheen verbringen würde müssen. Ob in einem Wirtshaus mit Daniel oder im Ehebett mit Katherine war allerdings noch die Frage.

Als er Abschied von seiner Bettgenossin nahm, fühlte er sich miserabel und elend. Er hatte ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen, auch wenn er sich einredete, dass man derlei Empfindungen einer Hure gegenüber nicht zu haben brauchte. Wieder und wieder küsste und herzte er sie, als gälte es tagelang abwesend zu sein. Sie band ihm noch einen selbst gestrickten Schal aus derber, grober Wolle um den Hals, der kratzte zwar ganz entsetzlich, aber Edmund lächelte und zeigte es nicht. Warm hielt der Schal auf alle Fälle, da war das Kratzen leichter zu ertragen.

Magdalyn würde diesen und den nächsten Tag bei Suzy Archer verbringen, Edmund hatte ihr aber streng untersagt, der Frau in der Badeanstalt zur Hand zu gehen. Das habe sie nicht mehr nötig, schärfte er ihr ein und bedachte sie mit einem zärtlichen Lächeln. Madgalyn fühlte die Kälte des Winters kaum, als sein Blick Besitz ergreifend noch einmal über sie glitt. Dann trieb er das Pferd an und ritt mit Daniel Richtung Westen.


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BeitragVerfasst: 03.01.2008, 14:56 
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Matthews spezielle Weinhändlerin
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Wie mein Göga so schön meinte: die Hofdame hat ja keinen Beweis, dass sie und Chiswell intim waren, er womöglich als Erzeuger in Betracht kommt. So leicht wäre es damals auch nicht gewesen, sich einen Gemahl zu fangen (sein Hobby ist das Darstellende Leben im Mittelalter und von daher hat er sich viel angelesen).
Aber mir gefällt deine story richtig gut, Doris!

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Tina hat geschrieben:
Wie mein Göga so schön meinte: die Hofdame hat ja keinen Beweis, dass sie und Chiswell intim waren, er womöglich als Erzeuger in Betracht kommt. So leicht wäre es damals auch nicht gewesen, sich einen Gemahl zu fangen (sein Hobby ist das Darstellende Leben im Mittelalter und von daher hat er sich viel angelesen).
Aber mir gefällt deine story richtig gut, Doris!


Nun ja... eventuell kommen wir zu diesem Punkt noch einmal zurück. Nur soviel - wenn eine Dame von Stand, eine Hofdame außerdem, behauptete, dass jemand mit ihr Unzucht getrieben hatte, dann glaubte man dieser Dame mehr oder weniger blind! Ohne "Beweis" selbstverständlich.
Derjenige stand - ob er wollte oder nicht - auf alle Fälle in der Pflicht bei ihr! Abgesehen davon, dass es ein Mann von Stand wie Edmund mit seinem Gewissen auch nur schlecht hätte vereinbaren können - er wusste ja, was er getan hat. Er wäre nie so dreist, Katherines Behauptungen zu versuchen zu widersprechen!
In dem Moment, in dem sich Katherine an die Königin, und diese sich ihrerseits an den König bezüglich der Angelegenheit gewandt hatte, war Chiswells Schicksals sozusagen besiegelt!
Tja... :roll:

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BeitragVerfasst: 03.01.2008, 16:58 
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Matthews spezielle Weinhändlerin
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Und genau da meint mein Göga, dass Chiswells Stand ihn schützt. Hofdamen dagegen konnte schon mal eher passieren, dass ihnen eben leider nicht geglaubt wurde, wenn es um so einen vergleichsweise hoch im Rang stehenden Mann geht. Frauen hatten eher schlechte Karten, da sie so gut wie nichts galten. Einerseits (durch die Verehrung der Mutter Gottes und weil sie Kinder zur Welt bringen) wurden sie verehrt und beschützt und geachtet und auf der anderen Seite (Eva und der Sündenfall, die Menstruation und dergleichen mehr) galt sie sehr wenig. Mädchen waren eher eine Last, sie mussten gut (was teuer war)verheiratet werden, ansonsten kamen sie ins Kloster oder wurden sonstwo "weggesteckt", traurig aber leider wahr. Da habe ich bereits zu viel über Göga und auch andere Textquellen gesehen und gelesen.
Die Wanderhure ist gar nicht so weit hergeholt. So ein Schicksal hätte besagter Hofdame auch blühen können. Aber ich will ja nicht spitzfindig sein und dir in deine Geschichte reinreden. Egal, welchen Verlauf du der Geschichte nun gibst.

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Lucas' sugarhorse
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ui, das ist spannend.... :shock:

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thx to Cuni


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Schönes Kapitel!

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Tina hat geschrieben:
Und genau da meint mein Göga, dass Chiswells Stand ihn schützt. Hofdamen dagegen konnte schon mal eher passieren, dass ihnen eben leider nicht geglaubt wurde, wenn es um so einen vergleichsweise hoch im Rang stehenden Mann geht. Frauen hatten eher schlechte Karten, da sie so gut wie nichts galten. Einerseits (durch die Verehrung der Mutter Gottes und weil sie Kinder zur Welt bringen) wurden sie verehrt und beschützt und geachtet und auf der anderen Seite (Eva und der Sündenfall, die Menstruation und dergleichen mehr) galt sie sehr wenig. Mädchen waren eher eine Last, sie mussten gut (was teuer war)verheiratet werden, ansonsten kamen sie ins Kloster oder wurden sonstwo "weggesteckt", traurig aber leider wahr. Da habe ich bereits zu viel über Göga und auch andere Textquellen gesehen und gelesen.
Die Wanderhure ist gar nicht so weit hergeholt. So ein Schicksal hätte besagter Hofdame auch blühen können. Aber ich will ja nicht spitzfindig sein und dir in deine Geschichte reinreden. Egal, welchen Verlauf du der Geschichte nun gibst.


Nein, tu dir keinen Zwang an, ich bin ja froh, wenn diskutiert wird. Das bedeutet nämlich, dass der Leser sich wirklich intensiv mit der Geschichte auseinandersetzt.

Ich weiß auch, mit deinem zusätzlichen Hinweis auf "Die Wanderhure", wie du das alles meinst.

Nur - wir gehen hier einfach davon aus, dass Lady Katherine schon länger am englischen Hof weilt (ca. 7 bis 8 Jahre, so lange war Königin Anne damals schon mit Richard verheiratet) und eine sehr gefestigte Stellung dort hat. Chiswell hingegen ist nur durch vage Reputation bekannt und muss sich erst des königlichen Vertrauens als würdig erweisen. Sie hat hier in diesem speziellen Fall in der Tat die besseren Karten auf der Hand.
Außerdem - ich weise nochmals darauf hin - Edmund weiß, dass er in der Pflicht steht!

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Paul's love therapist

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Wieder ein schönes Kapitel. Bin sehr gespannt, wie es weiter geht, wie er sich aus der Situation rettet.... ich hoffe, er kann sich retten...

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BeitragVerfasst: 03.01.2008, 22:12 
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Schönes Kapitel, Doris! :ja:

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Das blöde daran ist aber, dass er einen super guten Ruf hat. Denke an den fremden reichen Mann, der das Leben der jungen Wanderhure zerstört hat. Ich habe damals ungläubig nachgeforscht, weil ich einfach nicht begreifen konnte, dass eine angesehene Familie und ein bis dahin als unbescholten und geachtet geltendes Mädchen derart im Ansehen fallen konnten. Aber leider galten Geld und Macht mehr als lange Bekanntschaften. Macht und Ansehen waren alles. Ich weiß, ich drücke mich sehr unklar aus, aber mein momentan gar nicht so netter Göga mischt sich hier permanent ein und bringt mich aus dem Konzept. Na ja, du kannst ihm beim Treffen den Kopf für mich mit waschen! Er will Matthew und Toby mit anschauen kommen! Er muss echt Nerven aus Stahl haben!!!!!!

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So, nun geht es heute mal hier ein wenig weiter!

Anmerkungen zu diesem Kapitel:

Es werden kurz zwei Personen erwähnt, nämlich John of Gaunt (Johann von Gent) und Henry Bolingbroke. Ersterer ist der Onkel von König Richard II, das andere dessen Sohn, der spätere König Henry IV (womit wir - wenn wir sehr großzügig sind - einen Bogen zu MMs Bühnendarstellung im Sommer 2005 schlagen, als es im RNT beide Teile von Shakespeares "Henry IV" gab). Mit diesen beiden Herren hatte Richard II teilweise schwerwiegende Zwistigkeiten, die hier aufzuführen einfach den Rahmen der Geschichte und deren Schwerpunkt sprengen würde. Es reicht zu wissen, dass da massive Intrigen mit Absetzungen, Verbannung, Exil, Versöhnungen, etc. gelaufen sind.

Personen in diesem Kapitel:

Edmund of Chiswell - junger Rechtsgelehrter und Richter der Krone
Daniel Straaten - dessen Gehilfe
König Richard II - selbstredend
Katherine d'Angier - Hofdame der Königin
sowie die Kollegen Richter und der Leibarzt des Königs

Ort und Zeit: Palast von Sheen, Richmond, ca. 1390

Personen aus Erzählungen:

John of Gaunt - Onkel des Königs
Henry Bolingbroke - dessen Sohn, Vetter des Königs


6. Die Krankheit

Je näher sie Sheen kamen, desto mulmiger wurde Lord Chiswell zumute. Kurz vor dem Ziel machten sie noch einmal Rast und tranken einen Schluck Branntwein aus der Feldflasche um die beißende Kälte etwas besser ertragen zu können. Sie waren beide steif gefroren und es würde einem Wunder gleichkommen, wenn sie sich nicht sogar eine böse Erkältung zugezogen hätten.
Edmund Chiswell leerte noch einmal seine Blase, bevor sie die letzte Etappe angingen.

Am Portal zog er die Mappe unter dem Sattel hervor, sowie die Depesche mit dem Siegel des Königs und verabschiedete sich mit einem leicht verzweifelten Grinsen auf dem Gesicht von Daniel Straaten. Der hatte die Aufgabe, ein Quartier für sich, seinen Herrn, und die Pferde zu suchen. In dem Augenblick, da Edmund Chiswell den Schlosshof betrat, fing es an zu schneien.

Edmund Chiswell wurde die Wartezeit in einem zugigen Korridor des Schlosses lange. Man hatte ihm bedeutet zu warten und nach seinem Dafürhalten waren mittlerweile bereits Stunden vergangen. Er nieste heftig. Wunderbar, der kalte Gang trug sicher nicht zu seinem allgemeinen Wohlbefinden und zu seiner Aufwärmung bei. Er fluchte leise vor sich hin.
Endlich öffnete sich eine Tür und eine Wache bat ihn endlich einzutreten.

Die angenehme Wärme eines großen Kaminfeuers schlug ihm entgegen. Der Tonfall des Königs hingegen war eisiger als die Luft draußen: „Chiswell! Ihr durchtriebenes Schwein! Ihr werdet sofort Lady Katherine Eure Aufwartung machen und ihr das anbieten, was sie und Wir, Ihre Majestät et moi, unverzüglich von Euch erwarten. Habt Ihr mich verstanden, Chiswell?“
„Klar und deutlich, Euer Majestät.“
„Wunderbar. Was Ihr mir sonst noch vorzutragen habt, kann doch sicher bis danach warten.“
Edmund hatte eine winzige Chance, und die nutzte er sofort: „Mit Verlaub, Euer Majestät, ich würde Euch die Sache gerne zuerst vorstellen, um mich dann völlig ungestört und ohne Zeitdruck Lady Katherine widmen zu können. Sind denn noch weitere Richter anwesend, Sire?“

Der König strich sich mit den Fingern nachdenklich über sein Kinn, dann nickte er seine Zustimmung: „Also gut. Aber glaubt nicht, dass ich Euren Ansinnen immer nachgeben werde. Es ist eine Ausnahme, weil Ihr Euch so einsichtig zeigt und nicht versucht, Euren Pflichten hier durch faule Ausflüchte zu entkommen. Ich werde das richterliche Gremium sofort einberufen.“

Lord Chiswell nieste diskret, aber leider blieb dies nicht unbemerkt vom König. Während er Befehl gab, das Richterkollegium zusammenzurufen, rief er Edmund zu: „Was ist mit Euch? Verkühlt?“
„Macht Euch keine Gedanken, Sire, nur der Anflug eines Schnupfens.“
„Wie Ihr meint. Folgt dem Kammerherrn, er wird Euch zum Gartensaal führen, dort trefft Ihr auf Eure Richterkollegen. Der Kamin dort ist ebenfalls eingeheizt, falls das Euch Sorge bereiten sollte.“
„Euer Majestät sind zu gütig. Ich danke herzlich.“

Er gelangte in einen nicht ganz so düsteren, etwas freundlicheren Raum, wo es ebenfalls angenehm warm war, wenngleich vielleicht nicht ganz so heiß wie im Empfangszimmer des Königs.
Es waren bereits zwei Herren anwesend, weitere gesellten sich nach und nach dazu. Sie stellten sich einander vor.
Zum Schluss rauschte König Richard herein, er hatte nun sogar eine Krone auf dem Haupt sitzen, fast als wäre dies ein Treffen des Parlaments.

Edmund nieste noch einmal, bevor er sich erhob und den Fall allen Anwesenden vortrug. Er war in seinem Element, hier bewegte er sich auf sicherem Boden, in diesen Rechtsangelegenheiten konnte ihm kaum einer das Wasser reichen. Viele der Kollegen erkannten das auch sofort an und gaben ihrem Respekt für Lord Chiswell neidlos Ausdruck.
Als er geendet hatte, war er regelrecht ins Schwitzen geraten. Erhitzt ließ er sich wieder auf seinem Platz nieder und wartete die allgemeine Diskussion ab. Die Rechtsgelehrten waren sich schnell einig, dass man sich unbedingt vor Ort ein Bild der Lage machen sollte.

Der König hörte sich relativ gelassen alle Argumente an und erhob sich letztendlich, um eine Entscheidung zu fällen: „Gut. Ich habe mehr als genug gehört und muss auch sagen, dass ich sehr besorgt über die Entwicklung in diesem abgelegenen Nest bin. Zumal es sich bei dem zuständigen Herrn über das Land dort um de Guise, einen guten Freund meiner Person handelt. Wir haben in Frankreich einiges gemeinsam erlebt. Wenn wir jemanden schicken, dort Nachforschungen anzustellen und gegebenenfalls die mysteriösen Fälle aufzuklären, dann käme dafür nur Lord Chiswell selbst in Frage. Das trifft sich aber augenblicklich gar nicht gut, da Lord Chiswell gerade im Begriff ist, in den Stand der Ehe zu treten. Wir müssen eine andere praktikable Lösung finden, Mylords.“

Edmund erhob sich schwerfällig, ihm war mittlerweile recht schwindlig, und ergriff erneut das Wort: „Wenn Euer Majestät erlauben, möchte ich selbst einen Vorschlag unterbreiten.“
Der König sah ihn erstaunt an, gab aber mit einer huldvollen Handbewegung seine Erlaubnis: „Von mir aus. Fahrt fort, Mylord.“
„Danke, Sire. Ich bitte um Aufschub meiner Vermählung bis zu meiner Rückkehr aus dem Norden. Der Fall ist viel zu dringlich, als dass man die Dinge noch länger auf sich beruhen lassen könnte. Ich bitte Euch, Sire!“
„Chiswell, Chiswell. Die Privatangelegenheiten hier sind ebenfalls dringend, das wisst Ihr. Nun denn, Ihr reist in den Norden, unter der Voraussetzung, dass Ihr Euch noch heute verlobt. Ist das ein Handel nach Eurem Geschmack?“
Edmund Chiswell konnte noch antworten: „Das ist es, Euer Majestät“, dann umgab ihn tiefe Nacht.

Als er mühsam die Augen wieder aufschlug, lag er in einem prachtvollen Bett und blickte in die grauen Augen eines ihm unbekannten Mannes.
„Wer seid Ihr?“ Seine Stimme war nur ein heiseres Krächzen, sein Kopf dröhnte, seine Nase war verstopft und er hatte das Gefühl, innerlich zu glühen.
„Der Arzt seiner Majestät, Mylord.“
„Ah. Was ist mit mir?“
„Ihr habt ordentlich Fieber und eine Halsentzündung. Unangenehm. Ab und zu tödlich. Aber wir wollen das Beste hoffen. Das Fieber an sich ist nicht schlecht, es vertreibt die Krankheit. Aber steigt die Temperatur zu hoch, wird es gefährlich. Wir müssen abwarten.“

Edmund döste wieder ein und hatte Fieberträume. Er träumte von ermordeten Knaben, davon einer sein eigener Sohn. Er träumte von einer Hochzeit mit Magdalyn, als er aber ins Brautbett stieg, lag nicht sie darin, sondern Katherine d’Angier. Er träumte von einem König Richard, der mehr einer Schachfigur glich, ihm aber trotzdem mit dem Henker des Towers, der sinnigerweise der Turm des Schachspiels war, nachstellte, um ihm mit geschärftem Beil den Kopf abzuschlagen. Er träumte von Meister Gillespie, der ihm ein besonders hübsches Totenhemd schneidern wollte.

„Nun, er hat es überstanden, das Fieber ist gesunken.“
Edmund hörte die Stimme des Arztes und schlug die Augen auf. Neben seinem Bett stand außer dem Arzt auch Daniel Straaten.
Lord Chiswell versuchte sich in einem schmalen Lächeln: „Daniel, wie kommst du denn hierher?“
„Minheer, ich habe hier im Palast vorgesprochen als Ihr nach einem ganzen Tag lang noch immer nicht zurück gekommen wart. Und man hat mir gesagt, wie krank Ihr seid, und mich dann auch zu Euch gelassen.“
„Oh Daniel, du treue Seele. Wie lange bin ich schon hier?“

„Nur zwei Tage, Ihr habt erstaunliche Kräfte und die Krankheit schnell besiegt. Das Fieber muss allerdings sehr hoch gewesen sein.“
„Ich möchte nach London zurück. Ich möchte zu…“, er winkte Straaten nahe zu sich heran, damit der Arzt nicht mithören konnte, und vollendete dann erst den Satz, „ich möchte zu Magdalyn. Sie muss sehr in Sorge um mich, um uns sein.“
„Ich verstehe, Mylord. Ihr werdet den Arzt befragen müssen, ob dies möglich sein wird.“

Der Arzt schlug die Hände über dem Kopf zusammen über das unmögliche Ansinnen seines Patienten: „Nein, Mylord, das steht völlig außer Frage. Ihr dürft frühestens in drei Tagen wieder nach London zurück.“
Aber er hatte nicht mit Lord Chiswells Sturheit und Durchsetzungsvermögen gerechnet. „Gut, ich sehe ein, dass ich nach dieser schweren Krankheit die Strecke nicht werde zu Pferd bewältigen können. Wir mieten eine Kutsche und fahren zurück. Das Geld muss es mir wert sein. Wenn mein Gehilfe dafür sorgt, dass es warm in der Kutsche ist, und Möglichkeiten, dass dem Genüge getan wird, gibt es durchaus, dann bestehe ich auf meiner Rückkehr nach London.“
„Mylord, tut was Ihr nicht lassen könnt, aber die bessere Pflege und Bequemlichkeit habt Ihr gewiss hier in Sheen.“
„Daniel, bereite bitte alles vor. Wir kehren nach London zurück. So schnell es geht!“

Katherine d’Angier lief wie ein Raubtier im Käfig in den Gemächern der Königin auf und ab. Verflucht, verflucht! Sie hatte sich unbedingt diesen Chiswell angeln wollen und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihr Ziel zu erreichen. Als sie den Weg über Königin Anne und somit über König Richard gegangen war, war sie diesem Ziel auch sehr, sehr nahe gewesen. Doch dann war dieser elende Kerl einfach schwer krank geworden. Und die Königin hatte ihr außerdem mitgeteilt, dass die Vermählung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden muss, da Lord Chiswell auf Geheiß des Königs und des Rates der Richter nach Norden entsendet werden soll.

Wenigstens ein Heiratsversprechen hatte sie ihm abringen wollen, doch auch das hatte sich als nicht so einfach erwiesen. Die Verlobung hatte ebenfalls wegen der Krankheit aufgeschoben werden müssen. Doch nun, so hörte Katherine, war Lord Chiswell auf dem Weg der Besserung. Sie rang verzweifelt die Hände. Ob er sich ihr heute Abend endlich erklären würde?

König Richard befand sich gar nicht mehr in Sheen, er war nach Westminster zurückgekehrt, da es mal wieder Schwierigkeiten mit seinem Vetter Henry Bolingbroke und dessen Vater John of Gaunt gegeben hatte. Somit hatte Edmund enormes Glück, denn niemand konnte seine Abreise verhindern. Er selbst war ein hoher Würdenträger des Staates, die Richter der Krone hatten große Machtbefugnisse und waren nur dem König persönlich Rechenschaft schuldig.

Als am späten Nachmittag die von Straaten besorgte Kutsche im Schlosshof wendete und ein sehr schwacher, aber mit eisernem Willen ausgestatteter Edmund Chiswell, auf Daniel Straaten gestützt, einstieg, bekam es außer dem Arzt niemand mit.

Als die Kutsche mit den beiden Männern Vauxhall erreicht hatte, wurde in Sheen Katherine d’Angier von einem derart schlimmen hysterischen Anfall heimgesucht, dass die Königin sie vorzeitig zu Bett schicken musste. Eine Magd stand ihr während der Nacht zur Seite, im Falle es ihr in den Sinn kommen sollte, sich etwas anzutun.

Sehr spät am Abend kamen sie in London an. Das Zimmer in der Herberge war kalt und leer, natürlich, Magdalyn würde sicher noch bei Suzy Archer sein. Nachdem ein Feuer angefacht war, brachte Daniel persönlich Lord Chiswell zu Bett. Der war völlig apathisch und konnte sich nicht einmal mehr verbal artikulieren. Straaten fürchtete schon einen Rückschlag für ihn. Dann legte er sich in das Bett gegenüber und behielt im Halbschlaf seinen Herrn stets ein wenig im Blick.


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No, I can't, really... (MMs Antwort auf eine "freche" Frage von mir...)


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