Bin ja schon da! Gemach Leute, gemach! Heute also Kapitel drei...
Dazu mal wieder einige Anmerkungen:
Hier ist nun zum ersten Mal die Rede von
Prinz Edward, dem Vater von König Richard II. Er kommt zwar nicht als Person in der Handlung vor, da er damals schon tot war, aber er findet Erwähnung. Und zwar war er allgemein als "der schwarze Prinz" bekannt. Und da ist eine Parallele zu einem Film ("A Knight's Tale" aka "Ritter aus Leidenschaft"), in welchem Prinz Edward, der schwarze Prinz, ebenfalls vorkam. Damit hat auch dieser Mann zumindest für uns ein Gesicht, da er von dem netten und sexy James Purefoy dargestellt wurde!
Weiterhin wird von
Königin Anne, der Gemahlin Richard II, berichtet, die eine Tochter von
Kaiser Karl IV war. Damit ist sie die Schwester von
König Wenzel (ja, der eben
nicht die Kaiserkrone im Visier hatte!), dem Nachfolger Kaiser Karls auf dem Thron der Römisch-Deutschen Nation. Ich hoffe, es wird euch nicht zu kompliziert...
Personen in diesem Kapitel:
Edmund of Chiswell - junger Rechtsgelehrter und Richter der Krone
Daniel Straaten - dessen Gehilfe
Magdalyn Hobbles - eine junge Frau und Waise
Martin Gillespie - Schneidermeister
Ort und Zeit: London, in der Nähe der Themse, ca. 1390
Personen aus Erzählungen:
Prinz Edward, der schwarze Prinz - Vater von König Richard II
Königin Anne - Gemahlin von König Richard II
Kaiser Karl IV - Schwiegervater von König Richard II
König Wenzel - Schwager von König Richard II
3. Der Schneider
Eine gute Stunde später lag Magdalyn Hobbles fassungslos in den strohgestopften Kissen und staunte nicht schlecht. Dieser Rechtsgelehrte schien ihrer Meinung nach definitiv noch ganz andere Dinge als nur Jura studiert zu haben. Sie hatte keinerlei Erfahrung mit Männern, hatte aber mit genügend Mädchen von der Straße gesprochen, um zu wissen, dass das, was dieser Mann im Bett so machte, nicht der Normalfall war. Die Beine breit machen und warten, bis alles vorüber ist, das war der gängige Ratschlag von allen gewesen. Keine hatte sie darauf vorbereitet, dass der Vorgang der körperlichen Liebe nicht nur für den Mann lustvoll sein könnte.
Wenn sie nicht bereits in diesen Lord Chiswell verliebt gewesen wäre, hätte sie es spätestens nach dieser Stunde im Bett mit ihm endgültig erwischt.
Sie spielte mit dem Feuer, war sich dessen auch bewusst, aber fand nun nicht mehr den Weg heraus aus der ganzen Misere. Sie hatte sich selbst in diese vertrackte Situation begeben und musste selbst sehen, wie sie damit klar kam.
In dieser trauten Zweisamkeit erzählte ihr Edmund Chiswell auf ihre bohrenden Fragen hin ein wenig vom König. Sie wusste nur, dass er Richard der Zweite war und auch noch sehr jung sein sollte.
„Der König ist in Frankreich, in Aquitanien aufgewachsen. Sein Vater, Prinz Edward, lebte dort, er war gemeinhin als ‚der schwarze Prinz’ bekannt. Als Richard zehn Jahre alt war, starben in rascher Reihenfolge sein Vater und Großvater und er wurde in diesem zarten Alter bereits zum König gekrönt. Mit dreizehn Jahren erklärte man ihn vorzeitig für volljährig, mit fünfzehn Jahren heiratete er Prinzessin Anne von Böhmen. Die Ehe ist leider noch immer kinderlos, angeblich aber sind sich beide recht zugetan. Solche Details wollt ihr Frauen doch immer gerne hören, habe ich Recht?“
Sie nickte fasziniert, den Kopf noch immer in seiner Armbeuge bergend: „Und wie sieht der König aus?“
Edmund lachte schallend: „Dass diese Frage nun gleich folgen würde, habe ich mir bereits gedacht. Nun, ich als Mann würde sagen, weder ausnehmend schlecht noch besonders gut. Er hat keine sehr noblen Manieren, was aber seinem Status als Herrscher nicht sonderlich abträglich ist. Überdies ist er als jähzornig und sprunghaft in seinen Ansichten und Prinzipien bekannt. Königin Anne habe ich übrigens, bevor du fragst, nicht zu Gesicht bekommen.“
„Kennt Ihr außer König Richard auch noch andere Könige? Ich meine, Ihr seid doch sicher auf dem Kontinent herumgekommen, nicht wahr?“
„Ja, ich bin viel gereist. Aber außer unserem König kenne ich nur noch den römisch-deutschen König Wenzel. Königin Anne ist übrigens dessen Schwester, die Tochter Kaiser Karls des Vierten.“
„Oh, mein Herr, mir schwirrt der Kopf. Ich kann nicht lesen und nicht schreiben und wenn Ihr von all diesen Dingen redet, werfe ich am Ende doch nur alles durcheinander. Ich bin ein einfaches Mädchen, von Geschichte habe ich keine Ahnung.“
Edmund of Chiswell richtete sich ein wenig im Bett auf: „Du kannst von mir Lesen und Schreiben lernen, wenn du möchtest. Es ist nicht schwer und du bist gewiss nicht dumm. Du würdest es schnell lernen, da bin ich mir sicher.“
„Oh, das wäre wahrlich zu viel von Euch verlangt. Ich meine… Ihr… Ihr habt Euch ohnehin schon enorm großzügig mir gegenüber gezeigt.“
„Wie alt bist du, Magdalyn?“
„Ich weiß es nicht genau, aber meine Nachbarin Suzy, die auf mich achtete als meine Mutter krank wurde und starb, meint, ich wäre siebzehn Jahre alt. Warum fragt Ihr das?“
„Dann bist du anscheinend eine Spätentwickelte, was deine Erfahrung mit Männern anlangt. Königin Anne brauchen wir nicht als Beispiel anzuführen, auch sie war bereits sechzehn Jahre alt, als mit Richard vermählt wurde. Aber ihre Schwägerin, die Gemahlin König Wenzels, war sage und schreibe acht Jahre alt, als sie König Wenzel heiratete. Und er war damals neun Jahre alt. Allerdings wurde die Ehe erst vollzogen, als er fünfzehn und sie vierzehn Jahre alt waren.“
Magdalyn starrte den Mann neben ihr im Bett mit bewundernden Augen an: „Was Ihr alles wisst, mein Herr. Unglaublich.“
Er lächelte kurz und zog dann das Mädchen wieder nahe an sich heran: „Komm, trau dich und sag’ einmal meinen Namen, ja?“
Sie schluckte nervös und wisperte dann: „Lord Chiswell.“
Er knabberte zärtlich an ihrem Ohr und raunte hinein: „Das meinte ich nicht.“
Sie lief rot an, weil sie bemerkte, wohin seine Hände auf Wanderschaft gegangen waren und flüsterte schließlich fast unhörbar: „Edmund.“
Magdalyn war mehr als eine lernfähige Geliebte. Edmund genoss es, als sie ihm die Haare am Kaminfeuer wusch, nachdem er zwei Eimer mit heißem Wasser geordert hatte.
Nach der ersten gemeinsamen Nacht war sie zwar mutiger, aber noch längst nicht wesentlich selbstbewusster geworden. Immerhin traute sie sich ab und zu, ihm einen flüchtigen Kuss zu geben, oder – in sehr privaten Momenten – ihn beim Vornamen zu nennen. Ansonsten blieb er stets ‚mein Herr’ oder eben auch ‚Mylord’ für sie. In der Hinsicht wusste sie, wo ihr Platz war. Ihr Herz wollte es zwar anders, doch ihr Verstand behielt weiterhin die Oberhand.
Er bestand jedoch darauf, ihr Lesen und Schreiben beizubringen. Daniel Straaten ließ er Schreibzeug für sie herbeischaffen und trug ihm auf, wenn er für den König tätig war und Kriminalfälle durcharbeitete, sie während seiner Abwesenheit zu unterweisen. Am Abend ließ Edmund sich zwei volle Seiten mit gekritzelten ‚A’s von ihr zeigen und machte ihr im Kerzenschein klar, dass dieser Buchstabe zweimal in ihrem Namen vorkam. In seinem hingegen überhaupt nicht. In Daniels gesamten Namen sogar sage und schreibe dreimal.
So verging fast eine Woche. Straaten tauchte eines Nachmittags in der Tür zu Edmunds Schreibstube auf und schwenkte eine Schriftrolle über seinem Kopf: „Von Seiner Majestät, dem König.“
Edmund rollte das Papier auf und überflog das Schreiben.
Eine Einladung zur Feier des Geburtstages von Königin Anne für den übermorgigen Tag. Recht kam es Edmund Chiswell nicht gerade, aber es musste der Einladung wohl oder übel Folge leisten.
Er machte früher als üblich Feierabend und nahm Magdalyn mit zu den Händlern am Flussufer. Sie aßen geräucherten Fisch und er kaufte ihr gutgelaunt ein Armband, nichts Besonderes, nur Tand. Dann erzählte er ihr, dass er in den Palast zu einer Feier geladen war und seine dunkle Lederkleidung zu diesem Anlass vielleicht doch mit einem etwas prachtvolleren Gewand tauschen sollte. Magdalyn klatschte begeistert in die Hände und zog ihn mit sich zu Schneidermeister Gillespie. Dieser staunte nicht schlecht über den noblen Kunden. Noch mehr wunderte er sich allerdings darüber, dass Magdalyn Hobbles sich in Gesellschaft dieses beeindruckenden Mannes befand.
Um den Herrn für eine Feier bei Hofe einzukleiden, hatte Martin Gillespie eigentlich gar nicht die richtigen Stoffe vorrätig. Doch er war nicht auf dem Kopf gefallen und witterte seine Chance. Daher schickte er rasch den Lehrbuben zum Tuchhändler und wies ihn an, Samt- und Brokatstoffe (nicht zu teuer), sowie einige Zoll Pelzverbrämung (ebenfalls die günstigste, die zu bekommen war) mitzubringen.
Währenddessen nahm er die Maße von Lord Chiswell und notierte sich diese mit Kreide auf einer Schiefertafel. Bei Gott, der Mann konnte gut als Riese durchgehen. Er hatte jedenfalls bislang noch keinen so großen und stattlichen Mann leibhaftig vor sich gesehen. Und er war schon lange als Schneider tätig.
Die Stoffe kamen, der Bursche ächzte unter dem Gewicht der schweren Gewebe. Beim Pelz hatte man keine Wahl, es war nur Otterpelz vorhanden. Gillespie schlug vor, einen Waffenrock aus ockerfarbener Wolle, die leicht mit Goldfäden durchwirkt war, zu fertigen. Darüber einen Mantel aus braunem Samt, mit Pelz an Kragen und Ärmelaufschlägen. Das wirke edel, aber nicht aufdringlich.
Edmund war es letztendlich egal, zwar war er in der Sommerresidenz von König Wenzel in Gelnhausen gewesen, aber dort hatte er nicht auf seine Kleidung achten müssen, da keine Festivität angestanden hatte. Wichtig war ihm nur, dass Gillespie und sein Lehrling die Kleidungsstücke übermorgen zu Mittag fertig haben würden. Die Zeit war knapp, aber Gillespie konnte es dem Fremden in die Hand versprechen.
Als Edmund schon halb die Stiege hinunter war, immer den Kopf eingezogen, da er sonst an die Treppe über ihm stoßen würde, hielt Gillespie Magdalyn kurz fest: „Mädchen, was in aller Welt hast du denn mit diesem noblen Herrn zu schaffen? Du bist ihm doch etwa nicht zu Willen, oder?“
Als Magdalyn beschämt zu Boden blickte, war Martin Gillespie die Antwort klar: „Du musst wissen, was du tust. Aber eines sollte dir klar sein: Er wird irgendwann gehen, und du sitzt dann hier und hast mit großer Wahrscheinlichkeit einen kleinen Bastard zu versorgen. Zu mir brauchst du dann nicht gekrochen kommen. Ich habe dich gewarnt! Du magst nun eine Zeit der Sorglosigkeit und Unbeschwertheit erleben, aber lass dir gesagt sein, das bleibt nicht so! Ungemach wird kommen, und zwar schneller, als du bis drei zählen kannst!“
Wieder einmal stand Magdalyn die Kinnlade offen. Ein zarter Kuss von Edmund sorgte dafür, dass sie den Mund endlich wieder zuklappte. Bei Gott, der Mann sah aus wie der König persönlich. Gillespie war über sich hinausgewachsen und hatte meisterhafte Arbeit geleistet. Es war eine Abwechslung im eintönigen Leben des Schneiders gewesen und er hatte Spaß daran gehabt, einmal eine edle Ausstattung zu fertigen.
„Mylord, Ihr seht aus wie ein Märchenprinz.“
Edmund fasste die junge Frau um die Taille und lachte: „Wenn du das so sagst, glaube ich es fast selbst. Ich werde noch eitel, wenn ich weiter auf deine Komplimente höre. Doch nun muss ich gehen, sonst komme ich wahrhaftig noch zu spät zum Königspaar.“ Ein weiterer Kuss, dann war er weg. Seufzend setzte sich Magdalyn an den Tisch und schrieb mit kratzender Feder weitere ‚F's'. Langweilig, zumal dieser Buchstabe in keinem von den Namen vorkam, die ihr wichtig waren.
Zuletzt geändert von doris-anglophil am 27.12.2007, 18:56, insgesamt 2-mal geändert.