Andromeda hat geschrieben:
Millhand hat
hiernoch etwas sehr Interessantes zum Unterschied zwischen sexuellem Verhalten und sexueller Identität geschrieben, was auch Rickys Reaktion auf den Kuss erklären könnte.
Ich hab diesen Thread mit großem Interesse verfolgt und war mir eigentlich nicht klar, wie anderes die Einstellung zu Homosexualität früher war. Für mich - aus einer Kleinstadt kommend, wo es nicht gerade eine "Szene" gibt - war das zwar etwas Ungewöhliches, aber keinesfalls Unnatürliches. Zurückblickend ist das wahrscheinlich wirklich erst seit Anfang der Achtziger so, als Homosexualität durch AIDS ein breit diskutiertes Thema wurde. Im Deutsch-LK haben wir den "Tod in Venedig" gelesen, was nun deutlich homoerotische Untertöne hat, in einer Klasse, die fast nur aus Mädchen bestand und bei einem älteren, konservativen Lehrer, aber ohne jegliche moralische Wertung.
Das was Millhand über den Unterschiede zwischen Identität und Verhalten schreibt, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ich meine, ich verstehe schon, was damit gemeint ist, aber warum alles in Schubladen stecken ? Eigentlich glaube ich, das prinzipell fast jeder bisexuell ist, auch wenn das in Gesellschaften, wo gleichgeschlechtliche Kontakte nicht wirklich akzeptiert sind (also auch noch in unserer heutigen) meist nicht ausgelebt wird. Aber es erscheint mir nicht völlig abwegig, wenn aus einer tiefen Freundschaft eine sexuelle Beziehung wird oder wenn Männer in einer reinen Männerwelt (Internat, Militär, Gefängnis) Liebe und/oder Sex bei einem anderen Mann suchen. Es gab Gesellschaften, in denen das als normal angesehen wurde, z.B. im antiken Griechenland. Umgekehrt wüßte ich nicht, warum so jemand zu einem anderen Zeitpunkt keine erfüllte Beziehung zu einer Frau haben sollte. Es gibt sicherlich Fälle, wo die Beziehungen zu Frauen immer nur Fassade waren, aber das muß nicht so sein.
Das Problem mit der sexuellen Identität scheint mir mehr zu sein, das solche Menschen von der Gesellschaft ausgegrenzt, in eine Schublade gesteckt und mit einen negativen Image belegt werden ("Tunte") - vom strafrechtichen mal ganz abgesehen. Ich kann mir gut vorstellen, daß sich viele gegen dieses Image gewehrt haben, egal was sie privat empfunden oder getan haben. Andererseits gab es sicher Männer, die eindeutig homosexuell sind, obwohl sie es nie ausgelebt haben. "Maurice" von E.M.Foster fällt mir da als literarisches Beispiel ein. Es ist schon lange her, daß ich das gelesen habe, aber Maurice und Clive verband eine Beziehung, die zwar bewußt platonisch war, aber weit über eine Freundschaft hinausging.